Wind in den Pappeln

17.11.2009 01:11 - Zeitung

„Das ist genau so wie die das spielen. Wir haben jeden Tag mit alten Menschen zu tun“, stellten die ältere Dame und ihre junge Begleiterin zur Pause fest. Ein Wieder- und Selbsterkennungswert, der sich auch während des Stückes in zustimmendem Applaus niederschlug. Torsten Fischer hat Gérald Sibleyras „Wind in den Pappeln“ mit dem Renaissance-Theater Berlin mit viel Gespür für den Balanceakt zwischen Komik und Tiefgang inszeniert. Die drei Akteure dieser Boulevard-Tragikomödie, allesamt exzellente Verkörperungen ihrer Rollen, pendeln zwischen Aufbegehren und Lethargie, suchen dem Alltag im Seniorenheim und der Pflegerin, einer vermeintlich tyrannischen, ja sogar mordverdächtigen Nonne, zu entfliehen. Hinauf zu den Pappeln auf dem fernen Hügel, dort, wo der Wind weht, der die Terrasse des Heim nie erreicht.

Das Seniorentrio liegt konstant im Clinch: der grantelnde Gustave (hervorragend Jürgen Thormann), gebildet und eingebildet, menschenscheu und arrogant, Quell wortgewandter Bonmots voller Bissigkeit. Jörg Plewa (beeindruckend tragikomisch) als Fernand, dem sein Granatsplitter im Kopf zunehmend Schwierigkeiten macht, der sich zwischen den Ohnmachtsattacken als liebenswerter Paranoiker entpuppt, und der die Korrespondenz mit seiner Familie an längst Gustave abgegeben hat. Harald Dietl, voll derber Gutmütigkeit als René, mit Beinprothese, ein um Alterswürde bemühter Pragmatiker am Stock, der das Fluchtunternehmen schließlich platzen lässt.

Die drei ausgezeichneten Schauspieler gestalten das Stück wohl nuanciert, mit viel Einfühlungsvermögen, treffen den schmalen Grad zwischen Witz, Humor und Mitgefühl, stellen anrührend die Widersprüchlichkeiten und Schwächen des Alters dar, voll Würde, ohne zu demaskieren. All die Lügengeschichten und Selbsttäuschungen, Verklärungen, Rechtfertigungsversuche und unerfüllten Träume, für die die fernen windbewegten Pappeln letzter Flucht- und Hoffnungspunkt sind. Durch den Selbsterkennungswert gewinnt das Stück Gehalt und Tiefe. So bleibt am Ende viel mehr als nur ein amüsantes Seniorenstück in Erinnerung, vielmehr die Einsicht und Hoffnung, dass, angesichts der Paradoxie einer vom Jugendwahn besessenen, dennoch immer älter werdenden Gesellschaft, das Nachdenken über das Alter, auch das eigene, dringender ist denn je. Eine Botschaft, die im gut besuchten Theater mit herzlichem, dankbarem und lang anhaltendem Applaus aufgenommen wurde.