„Ich bin mindestens das zehnte Mal hier und es ist immer wieder ein großartiges Erlebnis“, so die hannoversche Sopranistin Irmgard Weber. Sie eröffnete mit einem „adventlichen Weckruf“, der „Rejoice“-Arie aus dem Weihnachtsteil von Händels „Messias“ den Kantatengottesdienst am zweiten Weihnachtstag in der Marktkirche St. Nicolai.
Vorbereitet hatte den rund 90- minütigen Gottesdienst in der bis auf den letzten Platz besetzten Kirche der Kantatengottesdienst-Arbeitskreis um Hans Christoph Becker-Foss. Im Mittelpunkt der rund 7000 Euro teuren, vorwiegend durch Spenden finanzierten Veranstaltung stand diesmal die Aufführung der Teile II und V von Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248). Das sechsteilige Werk für Soli, gemischten Chor und Orchester, das zwischen dem Weihnachts- und Epiphaniasfest 1734/35 in Leipzig erstmals aufgeführt wurde, ist eine der beliebtesten geistlichen Kompositionen Bachs. „Diesmal allerdings ganz ohne Pauken und Trompeten“, so Pastor Jürgen Harms vom Vorbereitungsteam, denn mit den Teilen II und V hatte Kirchenkreiskantor Hans Christoph Becker-Foss eben jene Passagen ausgewählt, die dem Bachchor der Hamelner Kantorei wie auch dem 17-köpfigen Hamburger Barock-Ensemble „Schirokko“ unter der Leitung von Konzertmeisterin Rachel Harris wie auf den Leib geschnitten waren.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die Nachricht von der Geburt Jesu an die Hirten. Erinnert das Bass-Rezitativ (stimmstark Henryk Böhm, Braunschweig) an die alttestamentarische Verheißung an Abraham, so mahnt die Tenor-Arie mit Sechzehntel- und Zweiunddreißigstel-Läufen die Hirten zur Eile. Insbesondere das Wechselspiel zwischen dem Kölner Tenor Lothar Blum und der von Margret Schrietter eindrucksvoll gespielten Oboe d´amore begeisterte die Konzertbesucher. Mit dem süßen Klang der tiefer gestimmten, mit einem kugelartigen Schallbecher versehenen Oboe d´amore und dem dunklen Ton der halbrund geformten, mit einem Messingschallbecher ausgestatteten Oboe da caccia erzeugten die Bläser des Barock-Ensembles „Schirokko“ eine ebenso zur pastoralen Idylle wie zur frohen Verkündigungsbotschaft passende Stimmung.
Im fünften, dem Thema der drei Heiligen Könige gewidmeten Teil glänzten vor allem die von Becker-Foss immer wieder an neue Positionen im Kirchenschiff dirigierten Solisten. Durch diesen Regiekunstgriff bekam etwa das Terzett „Ach, wann wird die Zeit erscheinen?“ von Sopran, Tenor und Hildegard Wiedemann (Alt) eine ganz besonders wirkungsvolle Note.
Längst ist das von Becker-Foss geleitete Weihnachts-Oratorium liebgewordener Bestandteil der Hamelner Kirchenmusikkultur und präsentierte sich auch in diesem Jahr mit einer harmonischen Mischung aus konzertanter Musik, akzeptablem Gemeindegesang und prägnanten textlichen Meditationen in einer höchst attraktiven Form. Dank und Begeisterung der Gottesdienst- und Konzertbesucher entluden sich in lang anhaltendem Beifall.