Zeilen Sprung – Das Redaktionsbüro

05042 - 504 008

info@zeilen-sprung.de

Zweite Hamelner „SpätLeseNacht“

Zweite Hamelner „SpätLeseNacht“

Samstag, 02. März 2013

„Sicher kann man nicht alles mitnehmen, aber die Vielfalt begeistert uns“, stellt Astrid Bölter fest. Mit einigen Freundinnen hat es sich die 58-jährige Hamelnerin im Eingangsbereich der Buchhandlung Matthias bei einem Gläschen französischem Roten gemütlich gemacht. Gleich gegenüber lässt Fritz Riedel aus seiner Drehorgel Musette-Klänge und den unvermeidlichen „Bruder Jakob“ erschallen.

Bild: Französischer Abend in der Buchhandlung Matthias. (von li.: Claudia Mehnert, Monika Matthias und Ulrike Bennemann

Im Rahmen der zweiten Hamelner „SpätLeseNacht“ präsentierten Peter Matthias und seine Mitarbeiter eine Lesung aus Léon Paul Farques, Der Wanderer durch Paris.

Die 28-jährige Claudia Mehnert arbeitet seit 11 Jahren bei Matthias und hat den Abend in Szene gesetzt. „Deko, Wein, Snacks, Musik, alles à la française“, so die Buchhändlerin. Im eleganten stilechten Pariser Outfit las die Übersetzerin Ulrike Bennemann aus Léon Paul Farques Buch. „Der war Zeitgenosse der Großen der 30er Jahre“, erklärt sie. „Mein Mann und ich können das alles gut nachempfinden, denn wir sind selbst im vergangenen Jahr einige Wochen durch Paris flaniert.“

Statt französischer Chansons hatte der gleichwohl in dieser Gattung versierte Walter Hedemann zuvor in der Stadtbibliothek Texte eines hierzulande weitgehend unbekannten Schweizer Kabarettisten vorgestellt. „Franz Hohler war vor langer Zeit einmal mit Hanns Dieter Hüsch hier im Theater“, erinnerte sich der 80-jährige Hedemann. Für seine gut 20 Gäste hatte er Auszüge aus drei Büchern Hohlers ausgewählt. „Zum einen die etwas düstere vom ´Rand von Ostermundigen´, dann ein Märchen und eine Quasi-Reportage“, so der Rezitator. Das Damentrio Susanne Butte, Kerstin Wittig und Dagmar Lange lauschte amüsiert den „phantastischen Geschichten“, die Hedemann in seiner ruhigen doch pointierten Art vortrug. „Wir wollen dann noch unbedingt ins Café Relax“, kündigten die Damen an.

Dort war es mittlerweile schon brechend voll. Während draußen das große Mittelalterspektakel die durch Fackeln erleuchteten Straßen zu einem Gesamtkunstwerk werden ließ, schallten aus dem „Relax“ am Pferdemarkt die alten Liebes- und Protestsongs der 68er.

Drinnen präsentieren Ilka Voss und Cornelie von Wedemeyer allerlei Biographisches zu den Ikonen der Musikgeschichte der ausgehenden 50er bis in die späten 70er: von Paul Anka, James Taylor und  Rod Stewart bis hin zu „Sting“.

„Ach. der ist doch wirklich süß“, entfuhr es Cornelie von Wedemeyer ganz unvermittelt bei der Betrachtung eines Fotos des blutjungen Bob Dylan. Die scharenweise anwesenden 68erinnen reagieren mit einem langgezogenen, zustimmenden „Ahhhh“. Dylans kurze Affäre mit Joan Baez versetzte dabei das Publikum ebenso in Erinnerungsträume wie die vom Duo der „Stanley Park Band“ als musikalische Illustration der Texte vorgetragenen Songs jener Ära.

„Es geht um das Buch `Das Mädchen aus dem Song´“, erklärte Cornelie von Wedemeyer, die überrascht und hocherfreut war von der starken Publikumsresonanz auf diese Veranstaltungsvariante.

Die Frage, was ein fehlender Zeh, ein Grab unterm Schneehaufen und ein in die Weser geratenes Motorrad mit einer Kleingartenkolonie zu tun haben, beantworteten derweil die beiden Kriminalschriftsteller Nané Lénard und Günter von Lonski im Lesecafé der DEWEZET. „Es geht um das Grauen unterm Schnee“, verriet Nané Lénard, die ganz im Stil von Particia Highsmith´ Tom Ripley ihre Heldin Else ungesühnt davonkommen ließ. „Der Schnee deckt alles zu, aber wenn er schmilzt, dann tritt das Grauen wieder zutage.“

Günter von Lonski stellte seinen neuen, mittlerweile vierten Wesemann-Krimi vor, Der wird demnächst erscheinen. Spannend und wie immer mit einer reichlichen Prise Ironie versetzt, dringt von Lonski dabei ein ins Hamelner Kleingartenmilieu. Auch dort lauert das Grauen. Kein Wunder also, dass es dem „SpätLeseNacht“-Flaneur gruselte, als er dann durch die von allerlei düsteren mittelalterlichen Gestalten bevölkerten Gassen Richtung „Sumpfblume“ zum finalen großen Kabarettabend mit „Team und Struppi“ eilte.

Weitere Einträge