Stefan Roduners Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“ führt in die Abgründe menschlicher Schuld – und zu einem Privatdetektiv, der sich nicht mit vorschnellen Wahrheiten zufriedengibt
Von Christoph Huppert
Manchmal ist nicht das, was wir getan haben, das Schlimmste. Sondern das, woran wir uns nicht mehr erinnern können. Mit diesem beunruhigenden Gedanken beginnt Stefan Roduner seinen neuen Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“. Der Schweizer Autor schickt darin seinen Privatdetektiv Milan Sommer auf eine Spurensuche, bei der es nicht nur um einen verschwundenen Psychiater, sondern auch um die Verlässlichkeit menschlicher Erinnerungen geht.
Schon der Titel verspricht wenig Erfreuliches. Und tatsächlich führt Roduner seine Leser in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Erinnerung und Verdrängung zunehmend verschwimmen.
Eine Patientin unter Verdacht
Im Mittelpunkt steht Elvira Brenzikofer. Die Frau wird von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt. Nachts quälen sie verstörende Träume, tagsüber bleiben Erinnerungen, die ihr zunehmend fremd erscheinen. Auf der Suche nach Hilfe wendet sie sich an einen angesehenen Zürcher Psychiater.
Doch die erhoffte Befreiung wird zum Ausgangspunkt einer Katastrophe.
Wenige Tage später wird der Arzt schwer verletzt in seiner Praxis aufgefunden. Blut auf dem Parkett, ein umgestürzter Stuhl, keine Zeugen. Kurz darauf ist der Psychiater spurlos verschwunden.
Elvira war die letzte Person, die ihn lebend gesehen hat. Bei einer Durchsuchung ihres Hauses entdecken die Ermittler Unterlagen aus der Praxis, ein blutbeflecktes Halstuch und gelöschte Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon. Die Indizien scheinen eindeutig.
Elvira gesteht zunächst, widerruft jedoch wenig später. Sie bricht zusammen und schweigt. Eine Leiche gibt es nicht, ein überzeugendes Motiv ebenfalls nicht. Trotzdem scheint sich für die Polizei ein schlüssiges Bild zu ergeben.
Nur einer will sich damit nicht zufriedengeben.
Milan Sommer sucht die Wahrheit
Privatdetektiv Milan Sommer, bereits aus Roduners Roman „Blutrote Leidenschaft“ bekannt, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Er ist kein Mann für schnelle Urteile. Während andere die Schuldfrage längst beantwortet glauben, nimmt er die Angst in Elviras Augen wahr.
Seine Nachforschungen führen ihn in die diskrete Welt wohlhabender Zürcher Klienten, zu undurchsichtigen Finanzgeschäften und Beziehungen, die offiziell niemals existiert haben sollen.
Dabei entdeckt Sommer, dass der Psychiater offenbar mehr tat, als nur seelische Verletzungen zu behandeln. Er wusste Dinge über seine Patienten. Geheimnisse, die für manche Menschen einen erheblichen Preis haben könnten.
Je weiter der Privatdetektiv vordringt, desto rätselhafter wird der Fall. Beweise tauchen auf und verschwinden wieder. Zeugen erinnern sich plötzlich anders. Und während Sommer versucht, die verschiedenen Spuren zusammenzufügen, sitzt Elvira in Untersuchungshaft.
Dort beginnt für sie ein zweiter Kampf: gegen die Vorwürfe, gegen die Isolation und vor allem gegen das eigene Gedächtnis. Was ist tatsächlich geschehen? Was hat sie verdrängt? Und kann sie überhaupt noch jemandem vertrauen, wenn sie sich selbst nicht mehr sicher ist?
Zwischen Krimi und Psychogramm
Stefan Roduner, 1966 in Frauenfeld geboren, kennt die Welt der Straftäter nicht ausschließlich aus der Literatur. Seit vielen Jahren arbeitet er im Justizvollzug und betreut dort auch Schwerstkriminelle. Die Lebensgeschichten, die ihm in seinem Berufsalltag begegnen, bilden einen Erfahrungshintergrund für seine schriftstellerische Arbeit.
Das ist dem Roman anzumerken. Roduner interessiert sich nicht allein für die Konstruktion eines möglichst komplizierten Verbrechens. Ihn beschäftigen die Menschen hinter den Verdachtsmomenten, ihre Ängste, ihre Geheimnisse und ihre Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen.
Gerade die Figur der Elvira Brenzikofer verleiht dem Geschehen eine zusätzliche Dimension. Sie ist nicht einfach die klassische Verdächtige, die ihre Unschuld beweisen muss. Ihre eigene Erinnerung wird zum unsicheren Terrain. Damit verschiebt sich die zentrale Frage des Romans: Nicht nur, wer den Psychiater verschwinden ließ, sondern auch, wie zuverlässig das ist, was wir für unsere persönliche Wahrheit halten.
Ein Krimi mit psychologischem Tiefgang
Roduner versteht es, eine Atmosphäre des Misstrauens aufzubauen. Die Handlung entwickelt sich aus scheinbar eindeutigen Indizien, die bei näherem Hinsehen immer neue Fragen aufwerfen. Das macht den Reiz der Geschichte aus.
Allerdings verlangt der Roman seinen Lesern auch einiges an Aufmerksamkeit ab. Die Vielzahl der Geheimnisse und die psychologische Verunsicherung können gelegentlich den unmittelbaren kriminalistischen Handlungsfluss überlagern. Wer einen geradlinigen Ermittlerkrimi mit hohem Tempo und ständig neuen spektakulären Wendungen erwartet, dürfte deshalb andere Akzente setzen.
Doch gerade darin liegt auch die Eigenart dieses Buches. Roduner interessiert sich weniger für den bloßen Nervenkitzel als für die Brüchigkeit menschlicher Gewissheiten.
Milan Sommer ist dabei ein Ermittler, dessen Stärke nicht in spektakulären Auftritten liegt, sondern in seiner Bereitschaft, zuzuhören und Zweifel auszuhalten. Er weiß, dass ein Geständnis noch keine Wahrheit sein muss und dass eine überzeugende Geschichte nicht zwangsläufig die richtige ist.
„Tiefschwarze Träume“ ist damit mehr als ein klassischer Whodunit. Es ist ein Kriminalroman über Schuld, Verdrängung und die Frage, wie leicht sich Menschen von scheinbar eindeutigen Beweisen täuschen lassen.
Fazit: Stefan Roduner legt einen psychologisch angelegten Krimi vor, der seine Spannung aus den dunklen Bereichen der menschlichen Seele bezieht. Ein Buch für Leser, die nicht nur wissen wollen, wer es getan hat, sondern auch verstehen möchten, warum Menschen schweigen, lügen oder an ihrer eigenen Erinnerung verzweifeln.
Stefan Roduner: „Tiefschwarze Träume“. Kriminalroman. Neptun Verlag, Bern 2026, 220 Seiten. ISBN 978-3-85820-413-4.
Beim Apfelfest des NABU in Böbber wird nicht nur geerntet: Die Streuobstwiesen zeigen, wie Hitze und Trockenheit die Natur verändern
Von Christoph Huppert
Der Apfel sieht ein bisschen verloren aus. Klein, unscheinbar, längst nicht so prächtig wie die Früchte aus der Werbung. Doch für den NABU Bad Münder ist auch dieser Apfel wertvoll. Er wird eingesammelt, später gepresst und als Saft verkauft. Vor allem aber erzählt er eine Geschichte über einen Sommer, der den Obstbäumen zugesetzt hat.
„Die sind klein. Das ist der Trockenheit geschuldet“, sagt Matthias Großmann, Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Bad Münder. „Wir hatten den ganzen Sommer eine extreme Trockenheit und Dürre.“
Auf der Streuobstwiese bei Böbber rascheln die Netze, Äpfel fallen ins Gras, Helfer sammeln die Früchte auf. Es ist Apfelfest beim NABU. Aber eigentlich ist es vor allem ein Arbeitseinsatz. Denn in wenigen Tagen wird es ernst: Der „Mostexpress“, eine mobile Mosterei, kommt nach Böbber. Bis dahin müssen möglichst viele Äpfel zusammenkommen.
Kleine Früchte, große Wirkung
Rund zehn bis 20 Helfer werden an diesem Tag erwartet. Einige fehlen, weil gleichzeitig Schulfeste und andere Veranstaltungen stattfinden. Beim späteren Pressen wollen sie wieder dabei sein. Denn auch das ist eine Gemeinschaftsaktion: Die mobile Presse muss mit Äpfeln gefüttert werden, der fertige Saft muss anschließend abgeholt werden.
Der Saft bleibt nicht allein beim NABU. Er wird verkauft, Vorbestellungen gibt es bereits. Das Geld fließt zurück in die Arbeit vor Ort – in neue Obstbäume und in die Pflege der vorhandenen Streuobstwiesen.
Der NABU Bad Münder verfügt über vier größere Streuobstwiesen. Dazu kommen zahlreiche Bäume an den Verbindungswegen zwischen Böbber, Hamelspringe, Eimbeckhausen und Egestorf. Viele davon hat die Gruppe selbst gepflanzt.
Es ist also eine Menge Landschaft, um die sich die Ehrenamtlichen kümmern.
Keine Plantage, sondern Lebensraum
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, möglichst große Äpfel zu produzieren. „Wir machen keinen Erwerbsobstbau“, sagt Großmann. Die Bäume sollen nicht nur Früchte liefern. Sie selbst seien Teil des Naturwertes der Streuobstwiese.
Gerade deshalb dürfen die Bäume auch wachsen, wie es ihrem natürlichen Charakter entspricht. In den ersten Jahren benötigen sie regelmäßige Pflege und einen gezielten Schnitt. Später genügt – abhängig von Baumart und Zustand – ein Schnitt alle drei bis fünf Jahre.
Auf der alten Wiese bei Böbber wachsen überwiegend gewöhnliche Sorten. Seltene historische Sorten finden sich dagegen auf anderen NABU-Flächen, unter anderem am Schiefen Brink und an der Süntelstraße. Dort gibt es Sorten, von denen nur noch wenige Exemplare vorhanden sind.
Und dann ist da noch die Goldparmäne. Eine davon landet an diesem Nachmittag im Erntenetz. Klein ist sie. Zum Essen vielleicht nicht gerade ein Erlebnis. Aber für den Saft ist sie allemal gut.
40 Grad sind nichts für Apfelbäume
Dass die Früchte in diesem Jahr so klein bleiben, ist für Großmann keine Überraschung. Die Hitze hat Spuren hinterlassen.
„Äpfel mögen es eher kühl und ein bisschen feuchter, aber nicht so heiß und trocken“, sagt der NABU-Vorsitzende. Temperaturen von 40 Grad, wie sie im Sommer teilweise erreicht wurden, seien für Apfelbäume alles andere als günstig.
Auf der Streuobstwiese wird damit sichtbar, was sonst leicht abstrakt klingt: Klimaveränderung. Trockenheit ist nicht nur ein Thema für Wetterkarten und wissenschaftliche Berichte. Sie entscheidet darüber, wie Bäume wachsen und welche Früchte am Ende an ihnen hängen.
Auch Jens Becker, Grossmanns Stellvertreter, beschreibt die Entwicklung als grundlegende Veränderung der Lebensbedingungen. Die Temperaturen steigen, gleichzeitig verändert sich die Wasserverfügbarkeit. Besonders Europa erwärme sich derzeit stark.
Alte Sorten als Antwort
Der NABU versucht, darauf zu reagieren. Ein wichtiger Baustein ist die Vielfalt. Rund 150 alte Sorten gehören nach Angaben des Vereins zum Bestand. Darunter befinden sich Sorten, die möglicherweise besser mit Hitze und wechselnden Wetterbedingungen zurechtkommen.
„Mit der Artenvielfalt in unseren Streuobstwiesen wollen wir natürlich auch ein Stück weit Klimaanpassung betreiben“, heißt es. Bei neuen Pflanzungen werde deshalb darauf geachtet, klimaresiliente Bäume auszuwählen – Bäume also, die auch in 20, 30 oder 40 Jahren noch eine Chance haben.
Das ist eine langfristige Aufgabe. Ein heute gepflanzter Obstbaum ist schließlich kein kurzfristiges Projekt. Er soll Jahrzehnte überdauern.
550 Mitglieder – aber Helfer werden gebraucht
Die NABU-Ortsgruppe Bad Münder hat etwa 550 Mitglieder. Bei der Mitgliederzahl könne man sich nicht beklagen, sagt Großmann. Schwieriger sei es, ausreichend Aktive für die praktische Arbeit zu gewinnen.
Und dann ist da Maike vom Otto-Hahn-Gymnasium in Springe. Sie steht mitten im Baum, zwischen Blättern und Äpfeln, und pflückt, was die Äste hergeben. Ein schönes Bild für dieses Apfelfest: Junge Menschen packen mit an – und erleben ganz nebenbei, wie viel Arbeit und Natur in einem Apfel stecken. Auch der Nachwuchs bleibt ein Thema. Kinder seien mit Begeisterung dabei. Im Jugendalter würden jedoch häufig andere Dinge wichtiger. Manche kämen später als junge Erwachsene wieder zurück, wenn sie sesshaft geworden seien und eine Familie gegründet hätten.
An diesem Nachmittag ist immerhin ein besonders junger Helfer dabei: der vierjährige Enias aus Eimbeckhausen. Für ihn ist die Apfelernte noch etwas Besonderes. Beim vergangenen Mal war er noch so klein, dass er das Geschehen kaum bewusst mitbekommen hatte.
Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was eine Streuobstwiese leisten kann: Sie liefert nicht nur Obst. Sie bringt Menschen zusammen, bewahrt alte Sorten, schafft Lebensraum – und macht sichtbar, wie sich die Umwelt verändert.
Am Ende werden die kleinen Äpfel in Säcken und Netzen liegen. In der kommenden Woche werden sie zu Saft. Aus einer schwierigen Ernte wird damit wenigstens noch etwas Gutes.
Und der kleine Apfel von Böbber hat dann vielleicht mehr zu erzählen, als man ihm auf den ersten Blick ansieht.
Wenn am Himmel die Drachen steigen und plötzlich Bonbons auf die Kinder herabregnen,ist bei der BIK in Bad Münder Herbstfest-Zeit. Nach längerer Pause hat die Bürgerinitiative ihr früheres Drachenfest neu aufgelegt. Diesmal wurde es mit einem Kinderflohmarkt zu einem gemeinsamen Fest verbunden.
Für die BIK das mehr als nur ein vergnüglicher Nachmittag. Denn die Einnahmen kommen Kindern und dem Spielplatz zugute.
Rund 900 bis knapp 1000 Mitglieder zählt der Verein inzwischen. Seit Januar ist Sven Steinmetz Vorsitzender. Er folgte auf Nadine Pedack.
Die Arbeit der BIK konzentriert sich vor allem auf Kinder und Spielplätze. „Sich um Spielplätze zu kümmern, Kinder in Not zu kümmern“, beschreibt Steinmetz die Aufgaben des Vereins. Wenn beispielsweise eine Familie nach einem Dachstuhlbrand plötzlich ohne Kleidung dasteht, kann die BIK mit Spenden und Einkaufsgutscheinen schnell helfen. Auch Kinder, die sich eine Klassenfahrt nicht leisten können, werden unterstützt.
Das Vereinsgelände ist dabei zu einem besonderen Treffpunkt geworden. Es zieht Familien nicht nur aus Bad Münder an. Besucher kommen unter anderem aus Hameln, Hannover und Stadthagen.
Ein Grund dafür ist auch ein neues inklusives Spielgerät. Es ermöglicht Kindern mit leichten körperlichen Beeinträchtigungen, gemeinsam mit anderen Kindern zu spielen. Damit ist ein Ort der Begegnung entstanden. Nun soll auch das Drachenfest wieder für Freude sorgen.
Früher gab es bereits solche Veranstaltungen, unter anderem mit dem inzwischen nicht mehr bestehenden Drachenverein „Sturmbremsen“. Zwei private Drachenfreunde aus dieser Zeit sind diesmal wieder dabei. Und sie haben eine besondere Attraktion mitgebracht: einen sogenannten Bonbon-Drachen. Unter dem Drachen hängt eine Vorrichtung, aus der während des Fluges Süßigkeiten für die Kinder herunterfallen. „Wenn bei der BIK Bonbons vom Himmel fallen“, lautet die passende Kurzform für das Spektakel.
Das Fest verbindet Spiel, Unterhaltung und Vereinsarbeit. Neben den Drachen gibt es einen Kinderflohmarkt und ein Kuchenbuffet. Auch Bratwurst, Kartoffelpuffer und frisch gebackene Waffeln werden angeboten. Rund 20 Helfer kümmern sich um die Veranstaltung.
Und diesmal spielt sogar das Wetter mit: Ausgerechnet beim Neustart des Drachenfestes gibt es ausreichend Wind.
Die Drachen können deshalb hoch über dem Gelände ihre Kreise ziehen. Doch die BIK kennt auch die Schattenseiten ihres Engagements. Vandalismus ist auf dem Gelände immer wieder ein Problem. Es gab bereits eine kleinere Brandstiftung, Müllprobleme und Graffiti.
Sogar Möbel wurden schon auf dem Dach des Vereinsgebäudes abgelegt. Deshalb wurde inzwischen eine Kameraüberwachung installiert. Die Schäden müssen häufig aus eigener Tasche beseitigt werden. Gleichzeitig hat der Verein schon das nächste Projekt im Blick: ein neues, fest im Boden verankertes Bodentrampolin. Es soll inklusiv sein und sogar mit einem Rollstuhl befahrbar werden. Für die BIK wäre es nach dem vorhandenen inklusiven Spielgerät eine weitere besondere Attraktion.
Und so passt das Bild am Ende: Drachen steigen über dem Gelände, Kinder warten auf die Bonbons – und die BIK sammelt mit ihrem Herbstfest zugleich Geld für neue Spielmöglichkeiten.
Das Mystery-Musical von Dennis Martin, eine Produktion von Spotlight Musicals, bringt Theodor Storms berühmte Novelle in einer spektakulären Bühnenfassung nach Hameln.
Von Christoph Huppert
Ein Deich, ein Schimmel und eine Geschichte über Sturm, Wasser, Liebe, Macht und den Kampf gegen die Natur: Vom 12. Dezember 2026 bis zum 3. Januar 2027 ist „Der Ensemble ist das Gastspiel etwas Besonderes. Einige Darsteller kennen die Stadt bereits, andere werden erstmals in Hameln auftreten. Entsprechend groß ist die Vorfreude. Pamina Lenn, die Elke Volkerts spielt, hat Hameln bislang noch nicht erlebt. „Ich freue mich wahnsinnig darauf, den Deich jetzt nach Hameln zu bringen“, sagt sie.
Ein Klassiker, der plötzlich ganz anders wirkt
Wer beim „Schimmelreiter“ zunächst an schwere Schullektüre denkt, könnte überrascht sein. Die Musicalfassung erzählt Storms Novelle mit viel Musik, großen Bildern und dramatischer Wirkung. Auch Dennis Henschel, der Ole Peters spielt, kennt die Geschichte noch aus seiner Schulzeit – und erinnert sich daran, sie seinerzeit nicht gerade geliebt zu haben. Gerade deshalb reizt ihn die heutige musikalische Umsetzung.
Auf der Bühne soll die Geschichte unmittelbar und lebendig wirken. Dabei werden auch neue Aspekte der Figuren sichtbar. Die Beziehung zwischen Hauke und Elke etwa wird stärker als Partnerschaft und Teamwork auf Augenhöhe herausgearbeitet.
Bildgewaltig und mystisch
Im Mittelpunkt steht Hauke Hain, der von Sascha Kurth verkörpert wird. Er will einen modernen Deich bauen und gerät dabei in einen Konflikt zwischen Fortschritt, Tradition und den gewaltigen Kräften der Natur.
Wind und Wasser bestimmen die Atmosphäre des Musicals. Musik und Bühnenbild sorgen für große, teilweise geradezu filmische Momente. Aus dem Ensemble heißt es, einzelne Szenen wirkten sogar wie aus einem Blockbuster.
Eine besondere Rolle spielt dabei natürlich der Schimmel. Das Pferd wird von sogenannten Pferdespielern zum Leben erweckt. Bewegung, Geräusche und Zusammenspiel müssen exakt aufeinander abgestimmt sein – eine besondere Herausforderung für die Darsteller.
Vorfreude auf Hameln
Sascha Kurth kennt Hameln bereits aus einer früheren Spielzeit und hat die Stadt nach eigener Aussage sehr gern. Entsprechend freut er sich auf die Rückkehr – und ganz besonders auf den Weihnachtsmarkt. Dem Publikum verspricht er eine bildgewaltige Show mit vielen musikalischen Momenten.
Nico Schweers steht dagegen zum ersten Mal mit Spotlight Musicals auf der Bühne. Gemeinsam mit Dennis Henschel übernimmt er in Hameln die Erstbesetzung des Ole Peters. Für ihn ist das Gastspiel deshalb Herausforderung und Vorfreude zugleich.
Und das Ensemble macht neugierig auf das, was die Zuschauer im Dezember erwartet: „Ihr werdet Dinge sehen, die ihr so auf der Bühne in Hameln noch nie gesehen habt.“
Was genau dahintersteckt, wollen die Darsteller allerdings noch nicht verraten. Sicher ist nur: Der Deich kommt nach Hameln – und mit ihm eine Geschichte, die viele zu kennen glauben und die auf der Musicalbühne doch ganz neu erscheinen dürfte.
„Der Schimmelreiter“ – Mystery-Musical von Dennis Martin, Produktion: Spotlight Musicals. Theater Hameln, 12. Dezember 2026 bis 3. Januar 2027.
Die Kleidertauschbörse in der Alten Wache Hasperde findet immer mehr Zuspruch – Hunderte Besucher
HASPERDE. Der Andrang ist groß, die Kleiderständer sind dicht gefüllt, und bei den Schuhen wird es beinahe eng: Die Kleidertauschbörse in der Alten Wache Hasperde hat auch bei ihrer jüngsten Auflage deutlich an Umfang gewonnen.
Das Prinzip ist einfach: Wer gut erhaltene Kleidung nicht mehr benötigt, kann sie zur Börse bringen. Andere Besucher dürfen sich kostenlos bedienen. Bezahlt werden muss für die mitgenommenen Kleidungsstücke nichts. „Wer kennt das nicht? Ich habe Sachen im Kleiderschrank, kann es irgendwie nach Jahren nicht mehr sehen, es ist heile, es ist nicht kaputt. Aber wegschmeißen ist einfach zu schade“, sagt eine Besucherin aus Bad Münder, die erstmals bei der Börse dabei ist. Zunächst wollte sie sich lediglich informieren und den Ablauf kennenlernen. „Ich bin total erstaunt, was hier die vielen lieben, fleißigen Bienchen und Händchen tatsächlich schon alles bewerkstelligt haben.“ Von der Idee ist sie begeistert. „Ich finde das super, finde ich total toll.“ Vor allem der Nachhaltigkeitsgedanke überzeugt sie. „Wir sind im Laufe der Jahrzehnte im Prinzip fast zu einer Wegwerfgesellschaft verkommen. Und dem gilt es irgendwo Einheit entgegenzusetzen.“ Die Kleidertauschbörse biete dabei eine praktische Möglichkeit, gut erhaltene Sachen weiterzugeben und zugleich Menschen zu helfen, die sich neue Kleidung möglicherweise nicht leisten können. „Derjenige, der es nicht mehr braucht, wer anders ist vielleicht bedürftig, hat auch nicht das Geld, um sich im Prinzip etwas Neues zu kaufen und hat hier wirklich eine Chance für sich, wirklich Gutes zu finden“, beschreibt die Besucherin den Grundgedanken. Für sie ist die Veranstaltung zudem etwas Besonderes, weil sie bislang keine vergleichbare Börse kannte. „In dieser Form, wie gesagt, ich kannte es ja nicht.“ Organisiert wird die Kleidertauschbörse von einem engagierten Helferteam.
Seit etwa drei Jahren gibt es die Veranstaltung jeweils im Frühjahr und im Herbst. Anfangs war das Konzept noch deutlich kleiner. „Wir haben ganz klein angefangen“, berichtet Organisatorin Brigitte Ehrlich. Jeder habe zunächst drei oder vier Kleidungsstücke bringen und entsprechend viele wieder mitnehmen dürfen. Doch schon bei der ersten Veranstaltung sei klar geworden, dass das Interesse wesentlich größer war als erwartet. „Wir sind schon beim ersten Mal eigentlich überwältigt gewesen, was alles gebracht worden ist.“ Deshalb wurde das Konzept geändert: Jeder darf kommen, Kleidung bringen oder einfach stöbern und etwas mitnehmen. „Muss nichts dafür bezahlen“, lautet das einfache Prinzip. Mittlerweile ist die Menge der angebotenen Kleidung beträchtlich. „Es ist immer mehr geworden“, sagt Ehrlich. Besonders die Schuhe hätten diesmal für eine Überraschung gesorgt: „Ganz besonders diesmal sind wir mit Schuhen erschlagen worden.“
Mehr als 1000 Bügel waren allein für Kleidungsstücke im Einsatz. „Da war noch kein Pullover und keine Hose und nichts dabei. Also wirklich nur Sachen, die auf Bügeln waren“, berichtet sie. Wie viele Menschen tatsächlich zur Börse kommen, lässt sich nur schwer sagen. Geschätzt werden rund 300 bis 400 Besucher, möglicherweise sogar mehr. „Es ist ein Kommen und Gehen“, beschreibt eine Teilnehmerin den Charakter der Veranstaltung. Genau das macht für sie einen besonderen Reiz aus. Wer Zeit habe, könne auch nur für eine Viertelstunde vorbeischauen, etwas suchen und anschließend wieder gehen. Auch Kinder stöbern zwischen den Kleidungsstücken. Die elfjährige Mila ist in Serbien geboren und lebt heute in Hachmühlen.
Gemeinsam mit ihrer Freundin Mia besucht sie die Veranstaltung. Mia ist zehn Jahre alt und kommt ebenfalls aus Hachmühlen. Beide Mädchen gehen in Hameln zur Schule. Auch die siebenjährige Bella aus Dunsen ist unter den jungen Besucherinnen. Für sie geht es ebenfalls darum, in dem großen Angebot etwas Passendes zu entdecken. Und natürlich wird auch gezielt gesucht. Eine Besucherin war beispielsweise auf der Suche nach Reithosen und wurde schließlich fündig. „Ich habe zufällig zwei Reithosen in der gleichen Art und Weise gefunden, nur zwei verschiedene Größen“, berichtet sie. Identische Kleidung sei allerdings nicht dabei gewesen: „Es waren alles Einzelteile.“ Für die Organisatoren bedeutet der große Zuspruch allerdings auch viel Arbeit. Wenn die Besucher gegangen sind, müssen die Räume wieder aufgeräumt und in ein Wahllokal umgewandelt werden. Die Helfer bauen anschließend alles für die nächste Nutzung um. Die Kleidertauschbörse selbst geht dann zunächst in eine Pause. Eine weitere Ausgabe ist wieder im Frühjahr vorgesehen. Bis dahin bleibt vor allem die Erkenntnis, dass aus einer kleinen Idee in Hasperde inzwischen eine gut besuchte Veranstaltung geworden ist: Kleidung, die sonst vielleicht im Schrank liegen oder im Müll landen würde, bekommt im Rahemen einer nachhaltigen Nutzung eine zweite Chance – und findet neue Besitzer.
„Eck glöbe woll!“ – wo das Platt noch zu Hause istZwischen Bad Münder, Eimbeckhausen und Hachmühlen hat die alte Mundart viele Gesichter – doch sie droht zu verstummen
Von Christoph Huppert
BAD MÜNDER. Man musste früher nicht nach dem Namen fragen. Ein paar Sätze genügten – und man wusste, aus welchem Dorf das Gegenüber kam. Ob Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen oder Welliehausen: Das Plattdeutsche hatte im Raum Bad Münder viele Gesichter.
Heute ist davon nur noch wenig zu hören.
„Ich bin davon überzeugt, dass die plattdeutsche Sprache hier zumindest in unserer Region eigentlich ausgestorben ist“, sagt Michael Meyer, der Vorsitzende der Ortsgruppe des Heimatbundes. Anders als etwa in Bayern oder Franken werde die Mundart hier kaum noch im Alltag gepflegt.
Dabei geht mit der Sprache mehr verloren als eine Sammlung alter Wörter. In ihr steckt auch ein Stück Orts- und Familiengeschichte.
Der Maulwurf als sprachlicher Prüfstein
Wer vom „Plattdeutschen in Bad Münder“ spricht, macht es sich allerdings zu einfach. Die zahlreichen Ortsteile haben jeweils ihre eigene sprachliche Geschichte.
Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen und Welliehausen liegen nur wenige Kilometer auseinander. Trotzdem konnten Aussprache und Wortschatz voneinander abweichen.
Meyer nennt dafür ein anschauliches Beispiel: den Maulwurf. „In dem einen Dorf ist der Maulwurf der Mull und im nächsten ist ja der Mullewurm“, berichtet er.
Solche Unterschiede waren früher ganz selbstverständlich. Heute werden sie zum Problem für diejenigen, die das Platt bewahren wollen.
„Will man sich dann darauf einigen, dass ein Münders Platt gesprochen wird?“, fragt Meyer. Oder soll das Eimbeckhäuser oder Hachmühlner Platt maßgeblich sein?
„Eck“ statt „ich“
Sprachwissenschaftlich gehört die Region zum Calenberger Platt und damit zum ostfälischen Bereich des Niederdeutschen. Das erklärt manche Besonderheiten, die sich vom Platt anderer Regionen unterscheiden.
So heißt „ich“ traditionell „ek“ oder „eck“. „Eck glöbe woll!“ – „Ich glaube wohl!“ – kann je nach Zusammenhang Zustimmung, Erstaunen oder auch Widerspruch ausdrücken.
Weitere Wörter wie „ok“ oder „och“ für „auch“ oder „vandage“ für „heute“ erinnern an die alte Mundart.
Das Niederdeutsche hat die hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht. Deshalb stehen Formen wie „Perd“, „gliek“ oder „eeten“ den hochdeutschen Wörtern „Pferd“, „gleich“ und „essen“ gegenüber.
Eimbeckhausen als Mundart-Ort
Besonders eng mit dem Plattdeutschen verbunden ist Eimbeckhausen. Die Ortschaft ist ein wichtiger Ort der regionalen Heimatpflege. Auch die Mundart-Künstlerin Brigitte Wehrhahn hat mit ihren Programmen „Wat schall dat?“ und „Öok dat noch!“ die Sprache öffentlich hörbar gemacht.
Platt funktioniert auf der Bühne durchaus noch – mit Humor, Ironie und seinem besonderen Klang. Doch zwischen einer Mundart als Kulturprogramm und einer Sprache, die Kinder zu Hause lernen, liegt ein großer Unterschied.
Hachmühlen, Holtensen und die kleinen Unterschiede
Auch in Hachmühlen und den umliegenden Dörfern war Platt einst Alltagssprache. In Holtensen, Unsen und Welliehausen wurde es von Generation zu Generation weitergegeben.
Eine einheitliche Sprachform gab es dabei nicht. Vokale wurden unterschiedlich ausgesprochen, Wörter wechselten und selbst grammatische Endungen konnten variieren.
Für die Sprachforschung ist dieses Mosaik wertvoll. Für den heutigen Spracherhalt macht es die Sache komplizierter.
Zwischen Ostfälisch und Westfälisch
Hinzu kommt die besondere Lage des Deister-Süntel-Tals. Bad Münder liegt im ostfälischen Sprachraum, westlich des Süntels beginnt der Einfluss des Westfälischen.
Im Schaumburger Land entwickelten sich andere Formen des Plattdeutschen. Die sprachlichen Grenzen verliefen dabei nicht scharf, sondern wurden durch Wanderung, Arbeit, Heirat und Handel durchlässig.
Das Tal war deshalb schon immer eine Übergangslandschaft, in der verschiedene Sprachformen aufeinandertrafen.
Was der Bergbau hinterlassen hat
Auch der historische Steinkohlebergbau hat Spuren hinterlassen. Im Deister und im Osterwald arbeiteten Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammen.
Mit ihnen kamen neue Begriffe und sprachliche Einflüsse. Wörter wie „Kuhle“ für die Grube, „Schorsteen“ für den Schornstein oder „Kumpel“ erinnern an diese Arbeitswelt.
Sprache erzählt damit zugleich die Geschichte der Region.
Von der Süntelbeuke bis zum „Schiet“
Manche Wörter sind unmittelbar mit der Landschaft verbunden. Die verdreht wachsenden Buchen des Süntels heißen „Süntelbeuke“ oder „Kruse Beuke“.
Andere Begriffe gehören zum Alltag früherer Generationen: „Dat is doch allet en Schiet“ oder „Kumm mal her vör de Döör“.
Solche Wörter und Redewendungen sind kleine sprachliche Erinnerungsstücke. Werden sie nicht weitergegeben, verschwinden sie mit den Menschen, die sie noch kennen.
Vom Küchentisch in die Heimatpflege
Die entscheidende Veränderung hat sich deshalb weniger auf der Bühne als zu Hause vollzogen.
Früher wurde Platt am Küchentisch, auf dem Hof, im Geschäft und unter Nachbarn gesprochen. Kinder hörten die Sprache und übernahmen sie ganz selbstverständlich.
Heute sprechen Familien überwiegend Hochdeutsch. Platt wird teilweise noch verstanden, aber immer seltener aktiv verwendet. Genau dadurch schrumpft auch der alte Wortschatz.
Heimatvereine und regionale Publikationen versuchen, diesem Verlust entgegenzuwirken. Die Zeitschrift „Der Söltjer“ dokumentiert Geschichten, Erinnerungen und sprachliche Besonderheiten aus Bad Münder und Umgebung.
Auch Sagen und Erzählungen aus dem Süntel und dem Raum Hameln gehören zu diesem kulturellen Gedächtnis.
Was vom Platt bleibt
Meyers Einschätzung ist vor allem eine Warnung: Als Alltagssprache ist das Plattdeutsche im Raum Bad Münder weitgehend verschwunden. Geblieben sind regionale Wörter, Redewendungen und unterschiedliche Dorfmundarten.
Sie zu bewahren, bedeutet deshalb nicht unbedingt, ein einheitliches „Münders Platt“ neu zu schaffen. Entscheidend ist vielmehr, das sprachliche Erbe von Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen, Welliehausen und den anderen Ortsteilen zu dokumentieren und weiterzugeben.
Am Ende war das Publikum
mehrheitlich tief erschüttert. „Was für ein beklemmendes Stück, überspitzt
sicherlich, aber das Ausgeliefertsein dieser Frau, wirklich gruselig“,
diskutierte eine kleine Zuschauergruppe nach der Aufführung.
Wie
weit geht man, um seinen Job zu behalten? Das ist die zentrale Frage in Mike
Bartletts messerscharfer Satire „Nachwehen“ (Contradictions), einem Zwei-Frauen-Stück,
das die bereits sechsmal im Egestorfer „Schaafstall“ zu Gast gewesene, in
München lebende und aus der Schweiz stammende Annette Wunsch zusammen mit
Felicitas Heyerick auf die Bühne des Martin-Schmidt-Konzertsaals brachte.
Das
Geschehen entwickelte sich zu einer wahren Albtraum-Dystopie: von der mitunter
grotesk-witzigen juristischen Formelhaftigkeit eines die Arbeitnehmerin
(Felicitas Heyerick) bis ins Intimleben maßregelnden Arbeitsvertrages bis in
die menschenfeindlichen Dimensionen einer einen Orwellschen Überwachungsstaat
fast noch übertreffenden, völligen Vereinnahmung und Entmenschlichung.
Während
Annette Wunsch als Personalmanagerin scheinbar kalt, herrisch und ohne
Mitgefühl die menschenverachtenden Regeln ihrer Firma gnadenlos umsetzte, fühlte
und litt das Publikum mit der in die Katastrophe hilflos hineingleitendenden
Angestellten. Deren scheinbare Wahl zwischen Freiheit und Karriere entpuppte
sich alsbald als ein auswegloser Sturz in völlige Abhängigkeit und persönliche
Zerstörung.
Felicitas
Heyerick zu ihrer Rolle: „Das ist eine emotionale Reise, an deren Ende leider
die Fügung in das Schicksal steht. Sie ordnet sich widerstandslos in das System
ein, ohne Gegenwehr, völlig abgeschliffen und abgestumpft.“
Annette Wunsch (li.) und Felicitas Heyerick (Bild: Huppert)
„Mich
geht das Stück jeden Abend wieder an“, gestand Annette Wunsch. Viel hänge dabei
vom Publikum ab. „Im ersten Teil wird ab und an auch viel gelacht, doch im
zweiten Teil gibt es dann wenig zu lachen. Im Gegenteil.“ In Bad Münder habe
sie von Anfang an große Betroffenheit gefühlt. „Schön, wenn die Zuschauer die
künstlerischen Mittel des Theaters erkennen, aber das macht es oft nicht
einfacher“, so die Schauspielerin.
Vor
gut zehn Jahren sei ihr das Stück angeboten worden, habe dann lange in der
Schublade gelegen, ehe sie sich nach einer gemeinsamen Lesung mit Felicitas
Heyerick zur Produktion entschlossen habe.
Drei
große, in wechselndem Abstand positionierte blaue Bürotische fungieren in der
Inszenierung von Marco Luca Castelli als physische Indikatoren des dramatischen
inneren Verlaufs. Ein rot beleuchtetes Terrarium verleiht dem ins Absurde
abgleitenden Spiel einen besonderen Effekt. Lauert hier eine Gottesanbeterin
auf ihre Opfer?
Arbeitnehmer
als „menschlicher Rohstoff“, als verfügbare Ware, so Mike Bartletts vordergründige
Kritik. Doch hinter der entschlüsseln sich auch zwei persönliche Dramen. Auch
die „Täterin“ hat einen Preis gezahlt, deutet zwischendurch immer wieder ihre schon
vollzogene Entmenschlichung an. Ihr Opfer wird ihr folgen.
„Wir
haben zwei Fassungen vorbereitet, einmal als Kammerspiel, das wir im engen Schaafstall
gezeigt hätte, einmal die Fassung für große Bühnen so wie hier“, erklärte
Annette Wunsch.
Auch wenn die
Lichtinszenierung im Saal technisch versagte, blieb trotz „Arbeitslicht“ der
Eindruck von einer an dieser Stelle selten erlebten Beklemmung. Egal, ob nun
als rein literarisches Stück oder an der Realität orientieren Dystopie
verstanden, selten hat ein Stück dank der Leistungen der beiden Darstellerinnen
wohl so erschüttert. In diesem Sinne also ein echtes, großartiges
Theatererlebnis.
Wie sah eigentlich das
Alltagsleben in Bad Münder früher aus? Die Fotos aus dem Archiv der Fotografin
Ursula Thielscher und ihres Mannes Joachim geben da einen guten Einblick. In
einem 66-seitigen Sonderheft der Neuen Deister Zeitung sind jetzt viele der
Bilder erstmals veröffentlich worden. Christoph Huppert hat die Einzelheiten….
Bild: Thomas Slappa (hinten Mitte) und Steffi Saake (zweite v. re.) schmücken mit anderen Helfern die Weihnachtsbäume im Kurpark
GeTour-Mitarbeiterin
Stefanie Saake ist mehr als zufrieden. „Die Resonanz auf unseren Aufruf
Weihnachtsschmuck zu spenden war wie im vergangenen Jahr überwältigend.“
Zwischen Wandelhalle und Kurmuschel putzen Saake, GeTour- Geschäftsführer
Thomas Slappa und weitere Helfer den Kurpark weihnachtlich heraus. Spender und
Sponsoren haben kistenweise Weihnachtskugeln zur Verfügung gestellt; Firmen
haben u.a. die Verkabelung der Beleuchtung der von einem Bauernhof gestifteten
sechs Weihnachtsbäume übernommen.
Was das bürgerschaftliche Engagement im sozialen Bereich angeht, so nimmt Bad Münder im Landkreis zweifelsfrei eine Leuchtturmfunktion ein. Viele Bereiche werden dabei von ehrenamtlich arbeitenden Bürgeinnen und Bürgern übernommen. Nach seinem Ausscheiden aus der Sozialraum AG hat Hermann Wessling den seit langem bestehenden Gedanken einer alle sozialen Kräfte bündelnden Freiwilligen-Agentur wieder aufgenommen.
Hören Sie dazu eine Stellungnahme des Bürgermeisters …
Das Verwaltungsgericht Hannover hat die Klagen gegen den Bau eines Schweinemaststalls in Bad Münder zurückgewiesen. Es sei nicht zu befürchten, dass etwa Gerüche und Keime den 900 Meter entfernten Kur-Bezirk von Bad Münder beeinträchtigten, sagte eine Gerichtssprecherin. Ein Landwirt aus dem Ortsteil Nettelrede plant den Bau eines Maststalls für 1.200 Schweine. Dagegen hatten zwei Klinik-Betreiber und eine Bildungsstätte geklagt. Das Urteil des Verwaltungsgerichts stützt sich unter anderem auf ein Gutachten, in dem nachgewiesen wurde, dass die Luft nicht direkt von dem geplanten Stall zu den Kliniken strömt.
Dazu die Stellungnahme des Bürgermeisters von Bad Münder, Hartmut Büttner …
Volksbund-Geschäftsführer Roland Behrmann teilt mit…
„Der Schutz der Gesundheit hat auch zum Volkstrauertag höchste Priorität!“
Der Volksbund empfiehlt Gedenkfeiern in kleinem Kreise und die Verschiebung der Haus- und Straßensammlung
Der Volksbund reagiert damit auf die Corona-Regeln und Empfehlungen der Bundes- und Landesregierung, die Kontakte in der Öffentlichkeit auf das un-bedingt Notwendige zu beschränken.
„Eine Vielzahl der Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen zum Volkstrauertag sind ältere Menschen. Sie gehören zu den Risikogruppen unserer Gesellschaft“, sagt der neue Landesvorsitzende des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Niedersachsen, Grant Hendrik Tonne. „Wir haben ihnen gegenüber eine besondere Verantwortung und plädieren in den Städten und Gemeinden dafür, z.B. Kranzniederlegungen nur in kleinem Kreise unter Beachtung der Corona-Verordnung des Landes durchzuführen.“
Aber auch die Sammlungen des Volksbundes sind betroffen. „Viele Schulen in Risikogebieten, Soldaten und andere Sammlergruppen haben ihre Teilnahme bereits abgesagt. Dafür hat der Volksbund natürlich Verständnis, auch wenn es der Finanzierung unserer Friedensarbeit weh tut.“
Der Verband bittet deshalb alle Gruppen, die sich traditionell an der Haus- und Straßensammlung beteiligen, ihre Aktivitäten ins Frühjahr zu verschieben. „Wir können uns einen Zeitraum zwischen Februar und April gut vorstellen.“, meint Tonne. Der Volksbund hofft, dass bis dahin die Beschränkungen wieder aufgehoben sind und eine akute Gesundheitsgefahr nicht mehr besteht.
„Die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger für den Frieden und die Verständigungsarbeit zu spenden, ist nach wie vor sehr groß.“, weiß Tonne, der sich in der Vergangenheit oft an den Sammlungen des Volksbundes beteiligt hat. „Wir bitten alle Menschen, die den Volksbund unterstützen, dabei zu bleiben!“
Hameln. Dierk Rabien freut sich. „Der Jens, das war ein Überflieger“, erinnert sich der ehemalige AEG-Deutschlehrer. Ein Schüler, den ein Lehrer so schnell nicht vergisst. „Abi 82, Deutsch-Leistungskurs, immer 15 Punkte“, schwärmt Rabien. „Dabei musikalisch, sehr sozial. Klavierspieler.“ Noch heute erinnert sich Rabien gerne an Rostecks damalige Roland-Kaiser-Parodie. „´Santa Maria´ hieß der Song, sechs Wochen auf Platz 1 der Hitparade.“
War ein „Überflieger“ – Dr. Jens Rosteck
„Big Sur“, so lautet der Titel seines neuesten Buches, in
dem er, von der Kritik überaus positiv aufgenommen, jenem Landstrich an der
Westküste der der USA nachspürt, der vor allem in den 60er Heimat vieler
namhafter Künstler war. „Der Wechselwirkung zwischen Landschaft und den Ideen
ihrer Menschen nachzuspüren, in Bildern, Geschichten, Skizzen, Episoden, das war
mein Ziel“, so Rosteck, der sein „Big Sur“ seinem alten Deutschlehrer gewidmet
hat.
Der Weg von Jens Rosteck, der „immer druckreif geschrieben“ habe, sei vorgezeichnet gewesen. Mit seinen Musiker- und Künstler-Biografien hat sich der ehemalige AEG-Abiturient einen Namen gemacht. Über den Spatz von Paris, Édith Piaf, Protestsong-Ikone Joan Baez, aber auch mit seinem Buch über Jeanne Moreau, den Komponisten Hans Werner Henze und den Chansonnier Jaques Brel sowie mit seinen Reiseerzählungen hat sich Rosteck, Jahrgang 1962, literarische Meriten erworben.
Weltgewandt und mit viel Humor – Dierk Rabien
„Rabien brachte etwas Urbanes, Weltläufiges in seinen
Unterricht, hatte Humor und Ironie, ein verschmitzter, kluger und für alles
offener Pädagoge.“ Der „Anreger und Förderer“ habe ihm zudem vermittelt, „wie man
auf der Bühne steht und dass die Performance gleichrangig mit dem einsamen
Schreibakt“ sei.
Und wer Rabiens Auftritte bei den „Pädagogian Harmonists“ noch in Auge
und Ohr hat, der weiß, dass sein ehemaliger Musterschüler auch hiermit das
Wesentliche getroffen hat. Encore 15 points, keine Frage.
„Von der Totalabsage des Weihnachtsmarktes sind wir nicht enttäuscht. Auch wenn es grundsätzlich schade ist, sind alle Argumente gegen den Weihnachtsmarkt richtig und gut nachvollziehbar. Die nötigen Auflagen hätten ohnehin wenig weihnachtliche Stimmung aufkommen lassen. Als Wirtschaftsvereinigung hatten wir lediglich gegen einen weiteren neuen Standort Bedenken, denn es wird so noch mehr Leben aus der Innenstadt gezogen.“
Wir hoffen, Sie haben Verständnis für unsere Entscheidung.
Die Initiatorin der Sammelaktion, Monika Reinecke teilt mit …
Vielleicht haben Sie schon von der privaten Kippensammelaktion am 11.09.2020 in Bad Münder Kenntnis genommen. In nur zwei Stunden haben 18 Personen geschätzte 12.472 Zigarettenkippen von der Straße gesammelt und später im Leerstandsladen, Marktstraße 8, in Bad Münder ausgestellt.
Ziel der Aktion war und ist es, der Umweltverschmutzung (Grundwasser, Mikroplastik), sowie dem allgemeinen Dreck, Müll und ungepflegten Bereichen in unserer schönen Kurstadt und Gesundheitsstandort Aufmerksamkeit zu schenken und Abhilfe zu schaffen.
Ein
Umdenken der Menschen, die hier leben ist genauso wichtig, wie die
Unterstützung durch die Stadtverwaltung, die sich um genügend und geeignete
Abfallentsorgungsbehälter kümmern muss und ebenso das Leeren veranlasst.
Wie könnten Sie uns dabei unterstützen?
Sammeln
Sie, wann immer Sie wollen, mit Ihrer Gruppe, Zigarettenkippen von den Straßen,
Wegen und Plätzen in unserer Stadt, trocknen diese bitte (im Idealfall,
dann kann man die Menge realistisch einschätzen und sie lassen sich später
besser ausstellen). Vielleicht bietet sich es auch an, dass zum Beispiel in
kleineren Ortsteilen sich Gruppen zur gemeinsamen Sammlung zusammenschließen.
100
Stück trockene Kippen wiegen 25 Gramm. Ein 10 Liter Eimer fast ca.1 kg Kippen.
Das entspricht ca. 4000 Zigarettenkippen. Nur eine Kippe verunreinigt 40 Liter
Grundwasser!!!
Die
Menge hochrechnen und dann bitte in 1 Liter Einmachgläser mit Deckel
füllen, sofern vorhanden – der Gestank ist sonst nicht zu ertragen!
Wir
möchten deutlich machen, wie viele Zigarettenkippen gesammelt werden.
Daher
benötigen wir von Ihnen:
ein oder mehrere Fotos mit Ihrer „Beute“
Name des Vereins oder Gruppierung
Zeit der Sammlung
Zahl der Sammelnden
Kippenanzahl
Diese senden Sie uns bitte per Mail zu. Dafür beachten Sie bitte die unten stehenden Kontaktdaten.
Die
gefüllten Einmachgläser, sowie die Fotos und Beschreibung dazu, dürfen wir auch
im Ladenlokal mit freundlicher Erlaubnis der Volksbank Hameln- Stadthagen
ausstellen.
Die
Übergabe regeln wir, wenn es soweit ist. Mal sehen, wie viele Fenster wir
(leider) füllen werden!
Ihr
Verein, Gruppierung oder Organisation kann auf diesem Wege
Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Umweltschutz vereinen.
Monika
Reinecke
Wir
möchten, sofern Sie nicht widersprechen, die Informationen über Ihre Sammlung
gerne an die NDZ weiterleiten.
Für
Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung und würden uns sehr über eine kurze
Rückmeldung und Teilnahme an der Aktion freuen.
Herzliche
Grüße im Namen aller Helfer und Unterstützer
Bild: Sieht keine Chance für Weihnachtsmarkt oder – dorf auch in veränderter Form. Petra Joumahh und der Weihnachtsmann
Sehr geehrte Frau Saake, sehr
geehrter Herr Slappa,
zuerst einmal möchte ich mich bei
Ihnen beiden noch einmal ganz herzlich für die Vorstellung Ihres Konzeptes, bezüglich
eines Weihnachtsmarktes, bzw. eines Weihnachtsdorfes im Kurpark bedanken!
Sie haben sich wirklich außerordentlich
viel Mühe gemacht!
Leider, und ich bedauere das
wirklich sehr, muss ich feststellen, dass der Ortsrat, und dieser Ansicht
schließe ich mich ausdrücklich an, der Meinung ist, dass Ihr Konzept in Corona
Zeiten nicht umsetzbar ist.
Auch das vorgestellte Alternativkonzept für die Adventssonntage wird von uns abgelehnt.
Angesichts der aktuellen Lage mit
stark steigenden Infektionszahlen muss jeglichen Plänen zur Durchführung einer
Weihnachtsmarktveranstaltung unbedingt eine Absage erteilt werden.
Das Risiko, das Weihnachtsfest
erkrankt, in Quarantäne, oder mit erweiterten Einschränkungen verbringen zu müssen,
ist einfach zu groß.
Bild: Den vorgezogenen Erntedank-Gottesdienst der Nienstedter Kapellengemeinde gestaltete Pastorin Ute Clemens als „Bibliolog“
Pastorin Ute Clemens ist seit zwei Jahren Seelsorgerin in der 440 Gläubige umfassenden Kapellengemeinde in Nienstedt. Die gehört zum Kirchenkreis Ronnenberg. Um die Kräfte zu bündeln, habe man den üblicherweise erst am Sonntag stattfindenden Erntedank-Gottesdienst vorverlegt, erklärt die 58-Jährige Das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas 12, 16-20) steht im Mittelpunkt des von Clemens als „Bibliolog“ gestalteten Erntedank-Gottesdienstes. „Bibliolog ist eine interaktive Form, in der die Gemeindemitglieder aus der Perspektive verschiedener Charaktere der Geschichte heraus sprechen“, erläutert die Pastorin, deren Rolle es ist, die Äußerungen zu verstärken und die Geschichte weiter und zum Abschluss zu führen. In der „Ich-Form“ verbalisieren einige Teilnehmer ihre Gedanken und Gefühle aus Sicht des reichen Kornbauern, seiner Feldarbeiter und der Jünger Jesu. Was entsteht, ist eine auch mit aktuellen Lebensfragen verbundene, persönliche Betrachtung des biblischen Textes.
Bild: Kolja Mensing las auf dem Hermannshof in Völksen
Völksen. Fels, das war Albert Fels, der jüdische
Viehhändler. Für den 1971 in Oldenburg geborenen Kolja Mensing ist er „die
Geisterfigur aus dem Familiengedächtnis“. Es sind Geschichten, die Kolja schon
oft gehört hat. Immer und immer wieder. Dann, wenn an der sonntäglichen
Kaffeetafel von früher erzählt wurde. Beschwörend, verdrängend, ein Ritual. Albert
Fels aber kam darin nicht vor.
Doch hinter der so
oft gehörten Geschichte von der 13-jährigen Schülerin, die im Frühjahr 1940 mit
einem Wehrmachtssoldaten Briefe tauschte und sich drei Jahre später mit ihm
verlobte, lauert eine andere, bislang nicht erzählte Geschichte. Eben die von
Albert Fels, der während der Kindheit von Kolja Mensings Großmutter im Haus
nebenan wohnte, bei Kriegsbeginn in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen
wurde – und nie wieder zurückkam. „Man weiß ja, was passiert ist.“ Mehr wusste
die Großmutter bislang dazu nicht zu sagen.
Kolja Mensing hat
nachgefragt, hat gesucht, in Steuerlisten und Kirchenregistern gewühlt, ist in
Kistchen, Briefen und verstaubten Schachteln fündig geworden. Wer also war dieser
Albert Fels? Was wurde aus ihm? Wie kam er tatsächlich ums Leben? Mensing deckt
das Leben eines recht wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus dem
Südniedersächsischen auf, recherchiert dessen schleichenden Niedergang und seine
Einbindung in die Familiengeschichte, lässt die „Geisterfigur“ in den dunklen Schatten
von Euthanasie und Holocaust sichtbar werden.
„Zu jeder Liebe gibt
es eine dunkle Ecke“, sagt der Autor, der für seinen in Jörg Sundermeiers Berliner
Verbrecher Verlag erschienenen 175 Seiten-Roman im Oktavheftformat keine
Genrezeichnung angibt. „Vielleicht ein autofiktionaler Roman“, schlägt
Sundermeier vor. „Einer, der Ankerpunkte setzt und ansonsten Gehörtes und
Erfahrenes mit imaginierter Erinnerung erzählerisch verdichtet“, sagt Mensing.
Bild: Kolja Mensing (re.) und sein Verleger Jörg Sundermeier
Die, freilich auf Abstand gesetzten, Zuhörer von Mensings gut besuchter Lesung im von frühherbstlichem Wind durchwehten „Haus im Park“ suchen nach der passenden Schublade. „Sachbericht, Tatsachenroman, zu Papier gebrachte oral history? „Jedenfalls Literatur“, stellt Kolja Mensing fest. Die Freiheit des Schreibens nutzen, um Geschichte und Geschichten neu erzählen und so mit neuer Perspektive über den Nationalsozialismus reden zu können? Der Autor ist sich sicher: „Täter, Opfer, Mitläufer, das reicht nicht mehr. Die Art über diese Zeit zu reden verändert sich.“ Die 68er hätten noch „recht abstrakt“ mit ihren Eltern über die Nazis geredet, sich auf große Haupt- und Staatsaktionen beschränkt und damit „die kleinere Geschichte traumatisch überlagert“, so Jörg Sundermeier. Kolja Mensing aber gelingt die Synthese von persönlicher Erinnerungs-, möglicherweise auch Selbstfindungs- und Trauerarbeit und historischem Kontext. Was auch in der mit der vermeintlichen „Gnade der späten Geburt“ beschenkten Generation der Kinder und Kindeskinder an die persönliche Substanz gehen kann. „Man muss bei sowas wohl auch auf sich selbst aufpassen“, gesteht Kolja Mensing. „Tja, noch immer ist der Krieg in uns und kein Ende in Sicht“, bestätigt auch Sundermeier.
Immerhin kann die
Frage, wieviel Nazi-Zeit in einer Liebesgeschichte wie der von Koljas Oma steckt,
endlich gestellt werden, ist die strikte Trennung der Großmutter, die Privates von
Politischem scheidet, überwunden.
„Geister“ wie der
des Albert Fels und seinem „Leben in den Steuerlisten“ werden endlich lebendig.
„Kann man Geschichte
wirklich so erzählen?“, fragte eine Besucherin der Lesung. Ja, man kann nicht
nur, man muss sogar. Warum? Um eine Tür aufzustoßen, neue Zugänge, letztlich
auch zu sich selbst zu schaffen, und zu begreifen, was aus dieser Zeit noch in
uns fortwirkt. Und um die Geschichten ins Licht bringen zu können, die hinter
den Kaffeetisch-Erzählungen von Eltern- und Großeltern darauf warten endlich doch
noch erzählt zu werden.
Kolja Mensing:
Fels. 175 Seiten. Erste Auflage, erschienen im Verbrecher Verlag Berlin 2018
Bild: Freuen sich über eine ausverkaufte Veranstaltung. von li.: Die kleine Miray , Jana Bogorinsky-Schäfer und Musiker Stefan Wünnemann.
BAD MÜNDER „Trotz
Superwetter wären wir sonst nicht so gut besucht gewesen“, stellt Jana
Bogorinsky-Schäfer vom Berggasthaus Ziegenbuche fest. Das Konzept der
35-Jährigen ist aufgegangen. „Ein Hutkonzert, bei dem jeder am Ende etwas in
den Zylinder wirft, davon haben alle etwas.“ Auch für den Musiker Stefan
Wünnemann aus Friedrichshagen beendet der Auftritt am Deisterhang eine lange Zwangspause
des Nichtstuns. „Gerade wir Künstler haben eine schwere Zeit gehabt und da ist
so ein Auftritt eine richtige Wohltat.“
Zusammen mit Stephan Schaumäker, der das alljährliche
Boah-Festival im Freibad Bakede veranstaltet, hat Wünnemann ein abwechslungsreiches,
buntes Programm zusammengestellt. „Das ist vor allem auf melodiöse Sachen
ausgerichtet“, erklärt das musikalische Multitalent. Titel von Sting und Slade,
Schlager und Evergreens bilden den Rahmen für die in der Nachmittagssonne auf
der Aussichtsterrasse speisenden Gäste.
„Ausverkauft ja, aber natürlich mit reduzierter Platzzahl
und nur nach Voranmeldung“, so Bogorinsky-Schäfer, die Ansturm und
Sicherheitsauflagen mit ihren zehn Servicekräfte sicherstellt.
Die Veranstaltungs- und Hygienevorschriften müssen peinlich
genau beachtet werden. „Beim Essen keine Maskenpflicht, aber sobald jemand
aufsteht, muss er Maske tragen“, so Bogorinsky-Schäfer. „Eine echte
win-win-Situation“, stellt Wünnemann fest, und auch Stephan Schaumäker ist
froh, dass er mal wieder mit Publikum agieren kann. „Das Boah-Festival in
Bakede musste ja wegen Corona gestrichen werden, wir hoffen aber, dass es im
nächsten Juli stattfinden kann“, so der 50-jährige Garten- und
Landschaftsbauer.
Der abendliche Blick in die sommerliche Landschaft ist weit,
von nebenan wehen das Meckern der Deisterziegen und Kindergeschrei herüber, die
Gäste genießen die Musik, die sich zusammen mit anderen Geräuschen zu einer
beeindruckenden Atmosphäre mischt.
Bild: Musikalisches Multitalent. Stefan Wünnemann.
„Ein Pilotprojekt“, so Jana Bogorinsky-Schäfer. „So wie es bislang aussieht, werden diesem Konzert weitere folgen. Von dem Hutkonzert haben alle etwas, die Künstler, die Veranstalter und vor allem die Gäste.“ Sagt´s und plaziert zusammen mit ihrer jüngsten Tochter, der vier Jahre alten Miray, den großen schwarzen Zylinder für alle sichtbar auf dem Lautsprecher vor dem kleinen schwarzen Zelt, unter dem Stefan Wünnemann einen Abend lang seine beliebten Melodien spielt.
„Virus? Das
verdrängen wir“, sagt ein älteres Ehepaar, das es sich in Reihe 7 der fast
ausverkauften Rattenfängerhalle schon lange vor Beginn des Auftritts von Dr.
Eckhart von Hirschhausen bequem gemacht hat. Der sollte eigentlich in der Mindener
Kampa-Halle stattfinden, die jedoch abgerissen werden muss, sodass Hirschhausens
Live-Programm „Endlich!“ nach Hameln ausweichen musste.
Bild: Monika Herrmann (re.) hatte zur vorweihnachtlichen Gruppenmusik für Groß und Klein nach Eimbeckhausen eingeladen
Eimbeckhausen. Emily
ist fünf Jahre alt und mit Begeisterung bei der Sache. „Ja, das kann ich“, antwortet
sie, als Musiklehrerin Monika Herrmann sie bittet, auf dem Achtel-Cello die
Begleitung zu einem Weihnachtslied zu zupfen. Das spielen die zur spontanen
Gruppenmusik in die Räume der Musikschule beim Eimbeckhäuser DRK gekommen
Erwachsenen und Kinder dann erst einmal ganz langsam.
Stellten sich den Fragen von Heimatbund und Nabu. Hartmut Büttner (li.) und Dirk Barkowski
BAD MÜNDER. Sie werden keinen Klima-Notstand für Bad Münder ausrufen. Darin waren sich beide Kandidaten einig. Zum Thema „Natur- und Klimaschutz als kommunale Aufgabe“ trafen jetzt auf Einladung vom Nabu Sünteltal und der Ortsgruppe des Heimatbundes Bürgermeister Hartmut Büttner und sein Herausforderer Dirk Barkowski im Foyer des Martin-Schmidt-Konzertsaal aufeinander. Vor knapp 50 Gästen moderierte Anne Zuzmann vom Nabu die Beantwortung eines den Kandidaten vorab zugegangenen umfangreichen Fragenkataloges. Eingangs hatte Michael Meier in einer fast halbstündigen Begrüßung in teils drastischen Worten die lokale und globale Dramatik des Themas umrissen. Während sich Büttner kenntnis- und detailreich am Fragenkatalog abarbeiten konnte, verschob der Herausforderer ein ums andere Mal die Antworten auf eine von ihm vorbereitete Präsentation, in der er anschließend den Bereich „Energie und Klimaschutz“ als einen Baustein seines „Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes“ abhandelte. Nur in Teilbereichen wie etwa dem der Baumschutzsatzung wurden dabei ansatzweise Kontroversen deutlich. Fazit: ein interessantes Befragungsformat, das aber von den Veranstaltern wesentlich konsequenter hätte eingehalten werden müssen.
Bild: Evelin Lindner (li.) bei ihrem Vortrag im „Bürgerhus“.
Evelin Lindner kann
es kaum fassen. In der ersten Reihe sitzen Albert Marienhagen und seine Frau.
Auf dessen Bauernhof in Esperde ist die heute promovierte Ärztin und
Psychologin als Flüchtlingskind in den 50er Jahren aufgewachsen. „Wir hatten
kein Geld und dennoch alles. Diese Zeit hat mir die Kraft gegeben“, erinnert
sie sich bewegt. Nie wieder Demütigung, so ihr damaliges Lebensmotto nach Krieg,
Verwundung und Vertreibung ihres Vaters aus Schlesien. „Ich bin überall
zuhause“, so die Weltbürgerin, die ihre umfangreiche wissenschaftliche Arbeit
ganz den Themen „Demütigung, Erniedrigung und Würde“ gewidmet hat.
Die riesigen
Windkraftanlagen auf den Hügeln im Ilsetal sind Hightech und bilden einen
reizvollen Kontrast zu dem, was sich auf dem großen Feld zu ihren Füßen
abspielt. Drei Tage lang kämpften dort Traktoren aus der Anfangszeit der
Motorisierung der Landwirtschaft in elf Klassen um den Sieg im „Treckertreck
2019“. Ausrichter der zum vierten Mal in 17 Jahren organisierten Veranstaltung
ist die „Interessengemeinschaft Traktoren und Nutzfahrzeuge Esperde und
Umgebung“. „Uns gibt es seit 2002 und wir haben derzeit 198 Mitglieder sowie 60
bis 80 Trecker“, sagt Heinz-Helmut Köhler. Der 61-jährige Kfz-Mechatroniker
leitet den anlässlich der 850-Jahrfeier von Esperde gegründeten Verein. „Wir
wollen historisches Kulturgut erhalten und Alt und Jung zusammenbringen“, so
Köhler zum Vereinszweck.
Orgelbauer Florian
Pabst hat alles gut vorbereitet. Zusammen mit Angela Amodio legt der 33-Jährige
letzte Hand an die 2007 neu gebaute, von internationalen Organisten in hohen
Tönen gelobte Hillebrand-Berner-Orgel in der Klosterkirche des Stifts. „Das
Instrument ist gut über den heißen Sommer gekommen, keine Probleme“, versichert
er. Je wärmer es werde, desto höher steige die Stimmung des Instruments. „Bei
20 Grad Wärme erhöht sich der Kammerton A um drei Hertz. Aber die Orgel ist gut
in Schuss. Deshalb nur eine kleine Zungenstimmung.“
Bild: Übt Kritik am Bologna-System. Hans Peter Klein. Foto: zu Klampen Verlag
Pünktlich zum Ferienende nimmt auch die bildungspolitische Diskussion wieder Fahrt auf. In gewohnt provokanter Form hat sich dabei auch der Frankfurter Professor für Didaktik der Biowissenschaften Hans Peter Klein zu Wort gemeldet. In seinem zweiten, jetzt im Völksener zu Klampen Verlag erschienen Buch „Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt“ zeichnet Klein ein düsteres Szenario der deutschen Bildungslandschaft und deren Zukunft. Christoph Huppert hat mit Klein gesprochen …
Bild: Freuen sich über einen guten Erlös. Christian Dreeke (Mitte mit Uwe Meinecke und dessen Frau.
Christian Dreeke vom Förderverein des Jugendzentrums Point in Bad Münder teilt mit: „Bezüglich des durchgeführten Flohmarktes zu unseren Gunsten erfreuen wir uns über den Erlös von 330,81€.“
Bild: Elke Hundertmark-Sagawe präsentiert die ersten Laibe des Aktionsbrotes im Flegesser Süntellädchen
Nichts erinnert an ihn. Kein Straßenname, kein sonstiger
Hinweis. Es scheint, als sei Johann Heinrich Friedrich Schlotheuber (30.7. 1789
– 12.01.1866) an seiner ehemaligen Wirkungsstätte in völlige Vergessenheit
geraten. Dabei ist der berühmte Botaniker, der von 1816 bis 1865 in Flegessen
als Pastor wirkte, eine andernorts durchaus berühmte Persönlichkeit. Elke
Hundertmark-Sagawe hat sich intensiv mit Schlotheuber, der am 30. Juli seinen
230 Geburtstag feiert, beschäftigt. „Nach seinem Studium in Göttingen war er
zunächst Hauslehrer bei den Stietenkrons in Hameln, wo er auch Georg Pflümer
kennenlernte“, berichtet die 64-Jährige. In Hameln erinnert ein „Pflümerweg“ an
Schlotheubers Zeitgenossen. Lange Zeit verschollen war auch Schlotheubers
Herbarium, das über 35000 Arten umfassen soll. Hundertmark-Sagawe: „Mitte des
19. Jahrhunderts war das Sammeln, Trocknen und Pressen sowie das Bestimmen der Pflanzen
ein praktikables bildgebendes Verfahren für den Naturkundeunterricht. Die
Fotografie gab es ja noch nicht.“
Bild: Der Vorsitzende des Fördervereins, Rolf Keller (Mitte), freut sich über die Spende der beiden Stellmacher.
Gnadenlos brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab aufs Areal des Museums für Landtechnik und Landarbeit. „So heiß war´s bei unserem Handwerkermarkt noch nie“, sagt Museumswart Dieter Brockmann. Wer kann, sucht Schatten. Etwa unterm Baum, an dem Fritz Spiegel und Hermann Hollas das alte Stellmacherhandwerk veranschaulichen. Während sich der 87-jährige Hermann kurz ausruht, werkelt Fritz an einem großen Rad aus Holz. „Die Speichen sind aus Eiche, die Felgenteile aus Buche“, erklärt er den Neugierigen, die sich um die beiden geschart haben.