Der „Schimmelreiter“ reitet in Hameln
Freitag, 06. November 2026 - Allgemein
Der Schimmelreiter kommt nach Hameln – ein Musical zwischen Sturm, Drama und großen Gefühlen
Spotlight Musicals bringt Theodor Storms berühmte Novelle auf die Bühne / Aufwendige Kulissen, mitreißende Musik und ein ungewöhnliches Pferd gehören zu den Besonderheiten der Inszenierung
Von Christoph Huppert
HAMELN. Ein Schimmel, der scheinbar zum Leben erwacht, eine gewaltige Deichlandschaft, Sturm und Naturgewalten und eine Geschichte über einen Mann, der seiner Zeit voraus ist: Mit dem Musical „Der Schimmelreiter“ bringt Spotlight Musicals einen Klassiker der deutschen Literatur auf die Bühne. Nach der Spielzeit in Fulda wird die Produktion auch in Hameln zu erleben sein. Dass dabei nicht einfach eine bekannte Schullektüre musikalisch nacherzählt wird, sondern ein eigenständiges Bühnenerlebnis entsteht, wurde bereits bei einem Blick hinter die Kulissen deutlich.

Theodor Storms 1888 veröffentlichte Novelle gehört zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich mit dem Schicksal des Deichgrafen Hauke Haien beschäftigt. Nicht alle haben dabei uneingeschränkt Begeisterung entwickelt. Für Musical-Komponist und Buchautor Dennis Martin ist das allerdings kein Grund, den Stoff für die Bühne nicht neu zu entdecken. Im Gegenteil: Gerade die dramatische Handlung, die unterschiedlichen Figuren und die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur hätten ihn zu einer musikalischen Umsetzung gereizt.
Eine Geschichte, die bis heute aktuell ist
Martin, der gemeinsam mit Peter Scholz die Spotlight Musicals GmbH führt, kennt den Stoff schon aus seiner eigenen Schulzeit. Später begegnete ihm die Novelle auf einer längeren Autofahrt erneut – diesmal als Hörbuch. Dabei sei ihm aufgefallen, wie viel dramaturgisches Potenzial in der Geschichte stecke. Die Figurenkonstellationen und das Erzähltempo böten geradezu eine Vorlage für ein Musical.
Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um eine historische Erzählung aus dem nordfriesischen Küstenland. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Außenseitergeschichte. Hauke Haien ist ein Mann, der weiter denkt als seine Umgebung. Er entwickelt eigene Vorstellungen davon, wie sich die Natur beherrschen und der Schutz der Menschen vor dem Meer verbessern lässt. Doch gerade seine Fähigkeiten und sein ungewöhnlicher Blick auf die Dinge machen ihn in seinem sozialen Umfeld zum Fremdkörper.
Martin beschreibt ihn als jemanden, der über den Tellerrand hinausschaut und deshalb auf Ablehnung stößt. Aus dem zunächst skeptischen Umfeld entwickelt sich schließlich eine regelrechte Ausgrenzung. Hauke wird nicht nur als Sonderling betrachtet, sondern zunehmend dämonisiert. Darin liegt für den Komponisten ein durchaus zeitgemäßer Kern der Geschichte: Wie geht eine Gemeinschaft mit Menschen um, die anders denken und bestehende Vorstellungen infrage stellen?
Auch die Natur erhält in der Musicalfassung eine besondere Rolle. Sie ist nicht bloß Hintergrund der Handlung, sondern beinahe eine eigene Figur. Das Rauschen des Meeres, die Bedrohung durch Sturmfluten und die Gewalt der Elemente bestimmen das Geschehen. „Wo das Chaos gegen die Ordnung schlägt“ – diese Vorstellung lässt sich nach Martins Worten auch musikalisch wiederfinden.
Für die musikalische Umsetzung setzt Martin auf einen großen, cineastisch geprägten Klang. Zeitweise kommt ein umfangreiches Orchester zum Einsatz. Die Musik soll nicht lediglich einzelne Szenen begleiten, sondern die Naturgewalten hörbar machen und die emotionale Spannung der Geschichte verstärken. Dazu gehören auch wiederkehrende musikalische Motive, die sich beim Publikum einprägen sollen.
Die Komposition entstand nicht einfach aus einer spontanen Eingebung heraus. Martin entwickelte zunächst ein inhaltliches Konzept. Er musste wissen, welche Situationen und Gefühle musikalisch umgesetzt werden sollten. Das Libretto lag während der Kompositionsphase noch nicht vollständig vor. Trotzdem gab es einen klaren dramaturgischen Leitfaden.
Hauke Haien und sein Schimmel
Die zentrale Figur des Hauke Haien verkörpert Sascha Kurth. Der 40-jährige Schauspieler gehört seit neun Spielzeiten zum Ensemble in Fulda. Dort hat er bereits unterschiedliche Rollen übernommen, darunter Robin Hood, Rob Cole im Musical „Medicus“ sowie Anastasius und Gerold in „Die Päpstin“.
Kurth schätzt die Vielseitigkeit seines Berufs. In jeder Saison müsse er sich erneut auf Rollen bewerben. Eine automatische Übernahme in die nächste Produktion gebe es nicht. Mit Hauke Haien übernimmt er nun eine besonders anspruchsvolle Hauptrolle.
Eine wichtige Bühnenpartnerin ist Pamina Lenn. Die 31-jährige Schauspielerin spielt Elke Volkerts, die Tochter des Deichgrafen und spätere Frau von Hauke. Für sie ist es die erste Produktion mit Spotlight Musicals. Auf der Bühne steht sie allerdings schon seit fast zehn Jahren.
Lenn hat die Novelle bereits während ihrer Schulzeit gelesen und sich zur Vorbereitung auf die Rolle noch einmal intensiv mit dem Text beschäftigt. Dabei habe sie festgestellt, dass die Musicalfassung durchaus neue Perspektiven eröffnet. Besonders die Beziehung zwischen Elke und Hauke werde deutlicher herausgearbeitet.
„Das ist absolutes Teamwork“, beschreibt sie das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Ihre Beziehung sei eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ein Aspekt, der in Storms Novelle zwar angelegt sei, in der Bühnenfassung aber stärker in den Vordergrund trete.
Gerade darin sieht Lenn eine Stärke der Inszenierung. Sie könne sowohl Menschen ansprechen, die Storms literarische Vorlage schätzen, als auch Zuschauer, die mit dem Werk aus ihrer Schulzeit eher negative Erinnerungen verbinden. Selbst wer den „Schimmelreiter“ früher als schwierige Pflichtlektüre empfunden habe, könne durch das Musical einen neuen Zugang zur Geschichte finden.
Drei Darsteller erwecken das Pferd zum Leben
Ein besonderer Blickfang der Produktion ist natürlich der Schimmel selbst. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein lebendes Pferd, sondern um eine aufwendig konstruierte Pferdefigur. Drei sogenannte Pferdespieler sorgen dafür, dass das Tier auf der Bühne möglichst lebensecht wirkt.
Einer von ihnen steuert den Kopf, zwei weitere übernehmen die Bewegungen im vorderen und hinteren Teil des Pferdekörpers. Auf diese Weise entstehen Bewegungsabläufe, die das Publikum schnell vergessen lassen sollen, dass sich unter der Konstruktion Menschen befinden.
Auch die Geräusche gehören zur Darstellung. Die Bewegungen und Reaktionen des Pferdes müssen genau aufeinander abgestimmt sein. Das erfordert nicht nur Geschick, sondern auch eine intensive Vorbereitung.
Die Konstruktion stammt aus Südafrika. Verantwortlich für den Bau war der Puppenkonstrukteur Roger Tidley. Die einzelnen Teile wurden nach Deutschland verschifft. Anschließend mussten die Darsteller unter Anleitung eines Spezialisten lernen, wie sich ein Pferd bewegt und wie seine typischen Reaktionen glaubwürdig nachgebildet werden können.
Die Herausforderung ist beträchtlich. Schließlich soll der Schimmel nicht wie eine technische Bühnenattraktion wirken, sondern als eigenständiges Lebewesen Teil der Handlung werden. Seine Beweglichkeit und die Gestaltung des Kopfes tragen entscheidend dazu bei.
Für die Produktion stehen sogar zwei Exemplare zur Verfügung. Eines dient als Ersatz, falls die andere Konstruktion beschädigt werden sollte. Außerdem ist eines der Pferde so verstärkt, dass auch ein Reiter darauf Platz nehmen kann. Welche spektakulären Bilder damit auf der Bühne entstehen, wollen die Verantwortlichen allerdings noch nicht vollständig verraten.
Dennis Henschel als Ole Peters
Zu den Darstellern gehört auch Dennis Henschel. Der 42-jährige Musicaldarsteller übernimmt die Rolle des Ole Peters und ist in der Produktion in der Erstbesetzung vorgesehen. Mit Spotlight Musicals verbindet ihn bereits eine längere Geschichte: Er ist inzwischen im 15. Jahr dabei.
Hameler Musicalbesucher könnten ihn noch aus dem Vorjahr kennen. Damals spielte er die Rolle des Gerold. Henschel schätzt an seinem Beruf vor allem die Möglichkeit, immer wieder in andere Figuren und Lebensgeschichten einzutauchen.
Auch Nico Schweers gehört zum Ensemble. Der 1,90 Meter große Darsteller ist erstmals bei Spotlight Musicals dabei und teilt sich mit Henschel die Erstbesetzung des Ole Peters für die Hamelner Aufführungen.
Für Schweers ist insbesondere die aufwendige Bühnenwelt ein Anreiz. Die bildgewaltige Kulisse gebe den Darstellern die Möglichkeit, sich intensiv in die dramatischen Situationen und Emotionen der Geschichte hineinzuversetzen.
Pamina Lenn wiederum freut sich besonders darauf, erstmals in Hameln aufzutreten. Die gebürtige Hessin kennt bislang vor allem ihre Heimatregion und Fulda. Auf die Rattenfängerstadt und ihre historische Altstadt ist sie entsprechend gespannt. Auch der Weihnachtsmarkt steht bereits auf ihrer persönlichen Wunschliste.
Eine Bühne mit großem technischem Aufwand
Dass die Produktion nicht nur musikalisch, sondern auch technisch einiges zu bieten hat, zeigt ein Blick auf die Ausstattung. Die Verantwortlichen haben für das Bühnenbild einen erheblichen Aufwand betrieben.
Zu sehen sind unter anderem eine Deichlandschaft, abgerissene Holzbohlen, ein Kachelofen und zahlreiche weitere Ausstattungsdetails. Im Hintergrund befindet sich eine große LED-Wand, die nicht einfach als Bildschirm eingesetzt wird, sondern Bestandteil des gesamten Bühnenbildes ist.
Spiegel an den seitlichen Bühnentürmen erweitern die optische Wirkung zusätzlich. Sie lassen die hintere Bühnenebene größer erscheinen und sollen den Eindruck einer nahezu grenzenlosen Landschaft vermitteln.
Auch die Drehbühne spielt eine wichtige Rolle. Die Inszenierung bleibt ständig in Bewegung. Szenenwechsel und Veränderungen der räumlichen Situation gehören zum dramaturgischen Konzept.
Für die Übertragung nach Hameln müssen allerdings einige technische Besonderheiten berücksichtigt werden. Denn die dortige Bühne unterscheidet sich von der Spielfläche in Fulda. Insbesondere die geringere Tiefe macht Anpassungen erforderlich.
So wird es hinter dem Deich in Hameln keinen vergleichbaren Durchgang geben wie in Fulda. Die Bühnentechniker haben deshalb bereits alternative Zugänge eingeplant. Türen in den hinteren Bühnenelementen ermöglichen den Darstellern, weiterhin von hinten auf die Spielfläche zu gelangen oder diese zu verlassen.
Die Produktion ist nach Angaben der Verantwortlichen von Anfang an so konzipiert worden, dass sie sowohl in Fulda als auch in Hameln funktioniert. Die wesentlichen Elemente der Inszenierung bleiben erhalten.
Ein düsterer Stoff mit großen Emotionen
Ganz unbeschwert ist die Geschichte allerdings nicht. „Der Schimmelreiter“ erzählt von menschlichen Konflikten, gesellschaftlicher Ablehnung, persönlichen Schicksalsschlägen und den zerstörerischen Kräften der Natur. Das Musical muss deshalb eine Balance finden zwischen dramatischer Intensität und einem unterhaltsamen Theaterabend.
Pamina Lenn bezeichnet gerade diese Verbindung als eine der großen Herausforderungen. Die Geschichte sei düster, es gebe viel Leid. Trotzdem müsse daraus ein stimmiger Abend entstehen, der das Publikum nicht nur bedrücke, sondern auch mitreiße.
Die bisherigen Reaktionen in Fulda stimmen die Darsteller zuversichtlich. Das Publikum gehe sehr gut mit der Inszenierung, berichtet Lenn. Auch die Presse habe positiv reagiert. Die Beteiligten seien deshalb überzeugt, eine außergewöhnliche Produktion geschaffen zu haben.
Dennis Martin verfolgt mit seiner musikalischen Bearbeitung ohnehin ein klares Ziel: Er möchte zeigen, dass Storms Novelle weit mehr ist als ein angestaubter Klassiker aus dem Deutschunterricht. Hinter der Geschichte steckt ein spannendes Drama über einen Menschen, der neue Wege gehen will und gerade deshalb an seiner Umgebung scheitert.
Für das Hamelner Publikum dürfte vor allem die Verbindung von Literatur, Musik, Schauspiel und aufwendiger Bühnentechnik interessant werden. Ein Klassiker erhält eine neue Gestalt – mit großen Bildern, einer dramatischen Klangwelt und einem Schimmel, der zwar nicht wirklich lebt, auf der Bühne aber beinahe so wirkt.
Und vielleicht ist das die größte Chance dieser Musicalfassung: Wer sich früher mit der Schullektüre schwergetan hat, bekommt nun Gelegenheit, Hauke Haien und seine Geschichte noch einmal ganz anders kennenzulernen.
Christoph Huppert





