Kölner Historikerin Jin Cao erforscht die Verbindungen zwischen Robert Dralle und einem chinesischen Glasfabrikprojekt vor 120 Jahren
Von Christoph Huppert
Bad Münder/Klein Süntel. Die Geschichte der Glashütte Klein Süntel reicht offenbar weiter in die internationale Industriegeschichte hinein, als es die regionale Überlieferung zunächst vermuten lässt. Die Historikerin und Sinologin Jin Cao vom Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln erforscht die Verbindung zwischen dem Glashüttenstandort bei Bad Münder und einem chinesischen Glasfabrikprojekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr Besuch führte sie jetzt zum ehemaligen Glashüttenstandort in Klein Süntel und in die Glasabteilung des Museums Bad Münder.
Im Mittelpunkt ihrer Recherchen steht der Ingenieur und Glasfabrikant Robert Dralle, der 1903 den chinesischen Gelehrten und Reisenden Jiang Xu in Hameln traf. Dralle war zuvor Inhaber der Glashütte Klein Süntel gewesen und 1898 nach Hameln gezogen. Jiang Xu wollte eine Glasfabrik in Wuhan in Zentralchina aufbauen und suchte dafür technische Unterstützung aus Deutschland. Die Begegnung ist ein Beispiel für den internationalen Austausch von Wissen und Technologie, der bereits vor mehr als hundert Jahren die industrielle Entwicklung prägte.
Jin Cao beschäftigt sich mit dem Reisetagebuch Jiang Xus, der 1903 nach Europa kam, um sich über die Möglichkeiten moderner Glasherstellung zu informieren. In Hameln nahm er Kontakt zu Robert Dralle auf. Er beauftragte ihn mit technischen Konstruktionszeichnungen für die geplante Glasfabrik. Darüber hinaus unterstützte Dralle ihn später bei der Suche nach einem deutschen Fachmann, der das Projekt vor Ort in China begleiten sollte.
Für die Wissenschaftlerin ist diese Verbindung besonders aufschlussreich: Sie zeigt, dass die Glasindustrie des Weserberglands nicht nur regional von Bedeutung war, sondern auch in internationale technische Kooperationen eingebunden sein konnte.
Bei ihren Nachforschungen stieß Cao auf weitere Dokumente, die neue Fragen zur Geschichte der Glashütte Klein Süntel aufwerfen. Dazu gehört ein Brief Dralles aus dem Jahr 1897, der auf einem Briefbogen der „Glashütte Klein Süntel“ geschrieben wurde. Auch sein Testament von 1896 ist in Klein Süntel bei Hasperde datiert.
Diese Fundstücke sind bemerkenswert, weil die Glashütte nach den bisherigen historischen Angaben bereits 1886 stillgelegt worden sein soll. Zugleich wird Dralle für das Jahr 1897 als Inhaber genannt. Cao interessiert sich deshalb dafür, welche Rolle der frühere Hüttenstandort in dieser Zeit noch für seine beruflichen Aktivitäten spielte. Die Frage ist auch für die weitere Forschung von Bedeutung, denn sie könnte Hinweise darauf geben, woher das technische Wissen stammte, das Jiang Xu später nach China mitnahm.
Die zeitliche Lücke zwischen der dokumentierten Stilllegung und den späteren Schriftstücken macht deutlich, wie wichtig eine genauere Auswertung der vorhandenen Quellen ist. Die Datierungen allein erklären noch nicht, ob und in welcher Form Dralle den Standort nach 1886 weiterhin nutzte oder ob der Briefbogen lediglich aus einem älteren Bestand stammte.
Für die weitere Forschung sind deshalb zusätzliche Unterlagen von besonderem Interesse. Cao hat sich unter anderem nach Dokumenten erkundigt, die beim Forum Glas vorhanden sein könnten und weitere Hinweise auf Dralles Tätigkeit geben. Auch die bereits veröffentlichte Darstellung über Friedrich Piepho und Dralles Glasfabrikprojekt in Russland weckte ihr Interesse.
Damit eröffnet sich die Möglichkeit, unterschiedliche Stationen von Dralles beruflichem Wirken miteinander zu vergleichen und seine Rolle in der Glasindustrie genauer einzuordnen.
Historische Spuren verbinden Klein Süntel mit China
Der Besuch in Klein Süntel und im Museum Bad Münder diente dazu, die schriftlichen Quellen mit den örtlichen Gegebenheiten und den erhaltenen Zeugnissen der Glasgeschichte in Beziehung zu setzen. Für das Forum Glas ist der Kontakt mit der Wissenschaftlerin eine besondere Gelegenheit, die regionale Überlieferung in einen größeren historischen Zusammenhang einzuordnen.
Die Forschung von Jin Cao macht deutlich, dass die Geschichte der Glashütte nicht allein anhand ihrer Produktion und Stilllegung betrachtet werden kann. Ebenso wichtig sind die Menschen, ihre beruflichen Netzwerke und die Weitergabe technischen Wissens über Ländergrenzen hinweg.
Der Kontakt zwischen Jiang Xu und Robert Dralle steht exemplarisch für diese Verbindungen. Aus dem Wunsch eines chinesischen Reisenden, moderne Glastechnik für sein Land nutzbar zu machen, entstand eine Zusammenarbeit, bei der deutsche Fachkenntnisse und technische Planung gefragt waren.
Welche konkrete Bedeutung die Glashütte Klein Süntel in Dralles späteren Jahren noch hatte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Gerade deshalb sind die Schriftstücke, die Cao aktuell auswertet, und die weitere Suche nach ergänzenden Dokumenten von Bedeutung.
Für das Forum Glas bietet die Zusammenarbeit mit Jin Cao die Chance, bislang offene Fragen zur regionalen Industriegeschichte genauer zu untersuchen. Die Geschichte von Klein Süntel könnte damit um ein Kapitel erweitert werden, das von technischen Innovationen, internationalen Kontakten und den Spuren eines Glasfabrikprojekts in China erzählt.
Ein Frauenleben zwischen Abhängigkeit, harter Arbeit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung
RADIOBEITRAGund Text
Von Christoph Huppert
Es sind die kleinen Geschichten, aus denen sich manchmal ein großes Bild der Vergangenheit zusammensetzt. Geschichten von Menschen, deren Namen in keinem Geschichtsbuch auftauchen, deren Lebensumstände aber stellvertretend für ganze Generationen stehen. Inge Merkentrup widmet sich in ihrem historischen Roman „Klara – Kein Leben wie meine Mutter“ genau solchen Menschen. Sie nimmt ihre Leser mit in das Oldenburger Münsterland des 19. Jahrhunderts und erzählt vom entbehrungsreichen Alltag einer Heuerlingsfamilie.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1866. Wilhelm findet in Emstek eine Heuerstelle. Seine Frau Hedwig ist gerade einmal 24 Jahre alt. Gemeinsam haben sie drei Kinder: Karl, Klara und Bernhard. Was zunächst wie der Beginn eines bescheidenen, aber gesicherten Familienlebens erscheinen könnte, erweist sich allerdings als eine Existenz voller Unsicherheiten. Denn ein eigenes Stück Land oder gar einen Bauernhof können sich die Eheleute nicht leisten. Sie sind darauf angewiesen, bei einem Bauern unterzukommen und dessen Land zu bewirtschaften.
Das Heuerlingswesen war über Generationen hinweg ein prägendes Element der nordwestdeutschen Landwirtschaft. Die großen Höfe gingen im Zuge der Agrarreformen zunehmend in den Besitz der ältesten Söhne über. Für die übrigen Familienmitglieder blieb häufig nur die Möglichkeit, sich als Heuerleute zu verdingen. Sie erhielten eine kleine Unterkunft und konnten Land nutzen, mussten dafür aber erhebliche Verpflichtungen gegenüber ihren Verpächtern übernehmen.
Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Merkentrups Erzählung. Das Heuerhaus, in dem Wilhelm und Hedwig mit ihren drei Kindern leben, ist klein. Die wirtschaftlichen Belastungen sind groß. Der Pachtvertrag verpflichtet die Familie zu Leistungen, die ihre ohnehin bescheidenen Möglichkeiten zusätzlich einschränken. Ob sie die vereinbarte Pacht überhaupt abbezahlen können, wird damit zu einer existenziellen Frage.
Dabei geht es Inge Merkentrup nicht allein um die Beschreibung historischer Lebensverhältnisse. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, was diese wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen für die Menschen bedeuteten. Wie viel persönliche Freiheit blieb einer jungen Frau, die mit ihrem Mann und ihren Kindern von der Landwirtschaft abhängig war? Welche Möglichkeiten hatte sie, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren? Und wie viel von den eigenen Vorstellungen musste sie aufgeben, um das Überleben der Familie zu sichern?
Gerade die Situation der Frauen verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Während die Männer als Heuerleute unmittelbar in das landwirtschaftliche Arbeitsverhältnis eingebunden waren, lastete auf den Frauen zusätzlich die Verantwortung für Haushalt, Kinder und Familienversorgung. Ihre Arbeit war unverzichtbar, wurde aber gesellschaftlich kaum gewürdigt. Die Lebenswirklichkeit bestand aus körperlicher Anstrengung, Bescheidenheit und einer Vielzahl alltäglicher Pflichten.
Hedwig steht damit für eine Generation von Frauen, deren persönliche Wünsche häufig hinter den Notwendigkeiten des Familienlebens zurücktreten mussten. Der Untertitel „Kein Leben wie meine Mutter“ deutet zugleich eine andere Perspektive an. Mit Klara rückt die nächste Generation in den Blick. In diesem Verhältnis von Mutter und Tochter liegt eine zusätzliche Dimension der Erzählung: die Frage, ob sich Lebensbedingungen und gesellschaftliche Rollen tatsächlich verändern können.
Merkentrup wählt für ihre Geschichte einen überschaubaren historischen Rahmen. Das hat durchaus Vorteile. Statt eine weit ausgreifende Familienchronik zu entwerfen, konzentriert sie sich auf eine konkrete Lebenssituation. Die Leser erhalten dadurch einen Einblick in eine Welt, die zwar zeitlich weit entfernt ist, deren grundlegende menschliche Konflikte aber durchaus nachvollziehbar bleiben.
Besonders interessant ist dabei der regionale Hintergrund. Das Oldenburger Münsterland war im 19. Jahrhundert eine landwirtschaftlich geprägte Region, in der Besitzverhältnisse und soziale Abhängigkeiten das Leben vieler Familien bestimmten. Das Heuerlingswesen gehörte zu den charakteristischen Erscheinungen dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Wer keinen eigenen Hof besaß, musste sich in ein Abhängigkeitsverhältnis begeben, das nicht selten über die gesamte Existenz einer Familie entschied.
Die Autorin macht damit auch auf ein Kapitel nordwestdeutscher Sozialgeschichte aufmerksam, das in der allgemeinen Geschichtsschreibung eher selten im Mittelpunkt steht. Während man über die großen politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts vergleichsweise viel weiß, sind die Lebensbedingungen der einfachen Landbevölkerung weniger präsent. Gerade deshalb ist es verdienstvoll, diese Perspektive literarisch aufzugreifen.
Der besondere Reiz des Buches liegt in der Verbindung von Familiengeschichte und regionaler Geschichtsvermittlung. Es geht nicht um große historische Ereignisse, sondern um die alltäglichen Herausforderungen einer Familie, die unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt sichern muss. Die wirtschaftlichen Verpflichtungen sind dabei nicht bloß ein Hintergrundmotiv, sondern bestimmen den Handlungsspielraum der Menschen.
Auch der historische Abstand macht die Lektüre interessant. Was heute als selbstverständlich gilt – eine angemessene Wohnung, soziale Absicherung, persönliche Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit, den eigenen Lebensweg zu gestalten –, war für viele Menschen jener Zeit keineswegs selbstverständlich. Die Lebenssituation der Heuerleute verdeutlicht, wie stark die gesellschaftliche Stellung eines Menschen von Besitz und Herkunft abhängig sein konnte.
Der Roman erinnert zugleich daran, dass historische Veränderungen nicht allein auf der Ebene politischer Entscheidungen stattfinden. Sie zeigen sich ebenso im Leben einzelner Familien, in den Erwartungen an Frauen und Männer und in den Möglichkeiten der nachfolgenden Generationen. In diesem Sinne ist „Klara“ auch eine Geschichte über den Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse.
Dass Merkentrup dafür eine weibliche Perspektive wählt, ist eine überzeugende Entscheidung. Sie eröffnet einen Zugang zu einer Vergangenheit, die aus der Sicht der Frauen noch einmal anders aussieht als aus der Perspektive der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse oder der wirtschaftlichen Entwicklung.
Das Buch besitzt mit seinen 100 Seiten einen überschaubaren Umfang. Es ist damit keine umfassende historische Abhandlung über das Heuerlingswesen, sondern eine literarische Annäherung an ein Stück nordwestdeutscher Vergangenheit. Die beigefügten Schwarz-Weiß-Fotografien im Anhang ergänzen den Text um eine dokumentarische Komponente und unterstreichen den regionalgeschichtlichen Anspruch der Veröffentlichung.
Natürlich setzt eine solche Erzählung voraus, dass die Leser sich auf eine eher stille Form historischer Literatur einlassen. Wer eine dramatische Handlung mit überraschenden Wendungen oder eine breit angelegte historische Familiensaga erwartet, dürfte hier andere Schwerpunkte finden. Merkentrups Thema ist vielmehr die Lebenswirklichkeit einfacher Menschen und die Frage, wie sie unter den Bedingungen ihrer Zeit zurechtkommen konnten.
Gerade darin liegt aber die Stärke dieses Buches. Es lenkt den Blick auf Menschen, deren Lebensleistung allzu leicht übersehen wird. Die Geschichte der Heuerlingsfamilien gehört ebenso zur nordwestdeutschen Vergangenheit wie die Geschichte der großen Bauernhöfe. Und die Erfahrungen der Frauen auf dem Land sind ein wichtiger Bestandteil dieser Geschichte.
„Klara – Kein Leben wie meine Mutter“ ist deshalb mehr als eine regionale Familienerzählung. Das Buch öffnet ein Fenster in eine Zeit, in der wirtschaftliche Abhängigkeit und gesellschaftliche Traditionen den Alltag bestimmten. Es erinnert an die schwierigen Lebensbedingungen früherer Generationen und macht deutlich, wie viel sich seitdem verändert hat.
Inge Merkentrup gelingt damit eine literarische Annäherung an ein Stück Sozialgeschichte, das gerade für Leser mit Interesse an der Geschichte des nordwestdeutschen Raumes aufschlussreich sein dürfte. Ein kleines Buch über ein großes Thema: das Leben einfacher Menschen und den Wunsch, es für die nächste Generation ein wenig besser zu machen.
Bibliografische Angaben
Inge Merkentrup: Klara – Kein Leben wie meine Mutter. Nordwestdeutsches Heuerlingsleben nach 1860. Oldenburg: Isensee Verlag, 2025. 100 Seiten, Hardcover, mit Schwarz-Weiß-Fotografien im Anhang.ISBN 978-3-7308-2194-7. Preis: 12 Euro.
Der Schimmelreiter kommt nach Hameln – ein Musical zwischen Sturm, Drama und großen Gefühlen
Spotlight Musicals bringt Theodor Storms berühmte Novelle auf die Bühne / Aufwendige Kulissen, mitreißende Musik und ein ungewöhnliches Pferd gehören zu den Besonderheiten der Inszenierung
Von Christoph Huppert
HAMELN. Ein Schimmel, der scheinbar zum Leben erwacht, eine gewaltige Deichlandschaft, Sturm und Naturgewalten und eine Geschichte über einen Mann, der seiner Zeit voraus ist: Mit dem Musical „Der Schimmelreiter“ bringt Spotlight Musicals einen Klassiker der deutschen Literatur auf die Bühne. Nach der Spielzeit in Fulda wird die Produktion auch in Hameln zu erleben sein. Dass dabei nicht einfach eine bekannte Schullektüre musikalisch nacherzählt wird, sondern ein eigenständiges Bühnenerlebnis entsteht, wurde bereits bei einem Blick hinter die Kulissen deutlich.
Theodor Storms 1888 veröffentlichte Novelle gehört zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich mit dem Schicksal des Deichgrafen Hauke Haien beschäftigt. Nicht alle haben dabei uneingeschränkt Begeisterung entwickelt. Für Musical-Komponist und Buchautor Dennis Martin ist das allerdings kein Grund, den Stoff für die Bühne nicht neu zu entdecken. Im Gegenteil: Gerade die dramatische Handlung, die unterschiedlichen Figuren und die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur hätten ihn zu einer musikalischen Umsetzung gereizt.
Eine Geschichte, die bis heute aktuell ist
Martin, der gemeinsam mit Peter Scholz die Spotlight Musicals GmbH führt, kennt den Stoff schon aus seiner eigenen Schulzeit. Später begegnete ihm die Novelle auf einer längeren Autofahrt erneut – diesmal als Hörbuch. Dabei sei ihm aufgefallen, wie viel dramaturgisches Potenzial in der Geschichte stecke. Die Figurenkonstellationen und das Erzähltempo böten geradezu eine Vorlage für ein Musical.
Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um eine historische Erzählung aus dem nordfriesischen Küstenland. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Außenseitergeschichte. Hauke Haien ist ein Mann, der weiter denkt als seine Umgebung. Er entwickelt eigene Vorstellungen davon, wie sich die Natur beherrschen und der Schutz der Menschen vor dem Meer verbessern lässt. Doch gerade seine Fähigkeiten und sein ungewöhnlicher Blick auf die Dinge machen ihn in seinem sozialen Umfeld zum Fremdkörper.
Martin beschreibt ihn als jemanden, der über den Tellerrand hinausschaut und deshalb auf Ablehnung stößt. Aus dem zunächst skeptischen Umfeld entwickelt sich schließlich eine regelrechte Ausgrenzung. Hauke wird nicht nur als Sonderling betrachtet, sondern zunehmend dämonisiert. Darin liegt für den Komponisten ein durchaus zeitgemäßer Kern der Geschichte: Wie geht eine Gemeinschaft mit Menschen um, die anders denken und bestehende Vorstellungen infrage stellen?
Auch die Natur erhält in der Musicalfassung eine besondere Rolle. Sie ist nicht bloß Hintergrund der Handlung, sondern beinahe eine eigene Figur. Das Rauschen des Meeres, die Bedrohung durch Sturmfluten und die Gewalt der Elemente bestimmen das Geschehen. „Wo das Chaos gegen die Ordnung schlägt“ – diese Vorstellung lässt sich nach Martins Worten auch musikalisch wiederfinden.
Für die musikalische Umsetzung setzt Martin auf einen großen, cineastisch geprägten Klang. Zeitweise kommt ein umfangreiches Orchester zum Einsatz. Die Musik soll nicht lediglich einzelne Szenen begleiten, sondern die Naturgewalten hörbar machen und die emotionale Spannung der Geschichte verstärken. Dazu gehören auch wiederkehrende musikalische Motive, die sich beim Publikum einprägen sollen.
Die Komposition entstand nicht einfach aus einer spontanen Eingebung heraus. Martin entwickelte zunächst ein inhaltliches Konzept. Er musste wissen, welche Situationen und Gefühle musikalisch umgesetzt werden sollten. Das Libretto lag während der Kompositionsphase noch nicht vollständig vor. Trotzdem gab es einen klaren dramaturgischen Leitfaden.
Hauke Haien und sein Schimmel
Die zentrale Figur des Hauke Haien verkörpert Sascha Kurth. Der 40-jährige Schauspieler gehört seit neun Spielzeiten zum Ensemble in Fulda. Dort hat er bereits unterschiedliche Rollen übernommen, darunter Robin Hood, Rob Cole im Musical „Medicus“ sowie Anastasius und Gerold in „Die Päpstin“.
Kurth schätzt die Vielseitigkeit seines Berufs. In jeder Saison müsse er sich erneut auf Rollen bewerben. Eine automatische Übernahme in die nächste Produktion gebe es nicht. Mit Hauke Haien übernimmt er nun eine besonders anspruchsvolle Hauptrolle.
Eine wichtige Bühnenpartnerin ist Pamina Lenn. Die 31-jährige Schauspielerin spielt Elke Volkerts, die Tochter des Deichgrafen und spätere Frau von Hauke. Für sie ist es die erste Produktion mit Spotlight Musicals. Auf der Bühne steht sie allerdings schon seit fast zehn Jahren.
Lenn hat die Novelle bereits während ihrer Schulzeit gelesen und sich zur Vorbereitung auf die Rolle noch einmal intensiv mit dem Text beschäftigt. Dabei habe sie festgestellt, dass die Musicalfassung durchaus neue Perspektiven eröffnet. Besonders die Beziehung zwischen Elke und Hauke werde deutlicher herausgearbeitet.
„Das ist absolutes Teamwork“, beschreibt sie das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Ihre Beziehung sei eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ein Aspekt, der in Storms Novelle zwar angelegt sei, in der Bühnenfassung aber stärker in den Vordergrund trete.
Gerade darin sieht Lenn eine Stärke der Inszenierung. Sie könne sowohl Menschen ansprechen, die Storms literarische Vorlage schätzen, als auch Zuschauer, die mit dem Werk aus ihrer Schulzeit eher negative Erinnerungen verbinden. Selbst wer den „Schimmelreiter“ früher als schwierige Pflichtlektüre empfunden habe, könne durch das Musical einen neuen Zugang zur Geschichte finden.
Drei Darsteller erwecken das Pferd zum Leben
Ein besonderer Blickfang der Produktion ist natürlich der Schimmel selbst. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein lebendes Pferd, sondern um eine aufwendig konstruierte Pferdefigur. Drei sogenannte Pferdespieler sorgen dafür, dass das Tier auf der Bühne möglichst lebensecht wirkt.
Einer von ihnen steuert den Kopf, zwei weitere übernehmen die Bewegungen im vorderen und hinteren Teil des Pferdekörpers. Auf diese Weise entstehen Bewegungsabläufe, die das Publikum schnell vergessen lassen sollen, dass sich unter der Konstruktion Menschen befinden.
Auch die Geräusche gehören zur Darstellung. Die Bewegungen und Reaktionen des Pferdes müssen genau aufeinander abgestimmt sein. Das erfordert nicht nur Geschick, sondern auch eine intensive Vorbereitung.
Die Konstruktion stammt aus Südafrika. Verantwortlich für den Bau war der Puppenkonstrukteur Roger Tidley. Die einzelnen Teile wurden nach Deutschland verschifft. Anschließend mussten die Darsteller unter Anleitung eines Spezialisten lernen, wie sich ein Pferd bewegt und wie seine typischen Reaktionen glaubwürdig nachgebildet werden können.
Die Herausforderung ist beträchtlich. Schließlich soll der Schimmel nicht wie eine technische Bühnenattraktion wirken, sondern als eigenständiges Lebewesen Teil der Handlung werden. Seine Beweglichkeit und die Gestaltung des Kopfes tragen entscheidend dazu bei.
Für die Produktion stehen sogar zwei Exemplare zur Verfügung. Eines dient als Ersatz, falls die andere Konstruktion beschädigt werden sollte. Außerdem ist eines der Pferde so verstärkt, dass auch ein Reiter darauf Platz nehmen kann. Welche spektakulären Bilder damit auf der Bühne entstehen, wollen die Verantwortlichen allerdings noch nicht vollständig verraten.
Dennis Henschel als Ole Peters
Zu den Darstellern gehört auch Dennis Henschel. Der 42-jährige Musicaldarsteller übernimmt die Rolle des Ole Peters und ist in der Produktion in der Erstbesetzung vorgesehen. Mit Spotlight Musicals verbindet ihn bereits eine längere Geschichte: Er ist inzwischen im 15. Jahr dabei.
Hameler Musicalbesucher könnten ihn noch aus dem Vorjahr kennen. Damals spielte er die Rolle des Gerold. Henschel schätzt an seinem Beruf vor allem die Möglichkeit, immer wieder in andere Figuren und Lebensgeschichten einzutauchen.
Auch Nico Schweers gehört zum Ensemble. Der 1,90 Meter große Darsteller ist erstmals bei Spotlight Musicals dabei und teilt sich mit Henschel die Erstbesetzung des Ole Peters für die Hamelner Aufführungen.
Für Schweers ist insbesondere die aufwendige Bühnenwelt ein Anreiz. Die bildgewaltige Kulisse gebe den Darstellern die Möglichkeit, sich intensiv in die dramatischen Situationen und Emotionen der Geschichte hineinzuversetzen.
Pamina Lenn wiederum freut sich besonders darauf, erstmals in Hameln aufzutreten. Die gebürtige Hessin kennt bislang vor allem ihre Heimatregion und Fulda. Auf die Rattenfängerstadt und ihre historische Altstadt ist sie entsprechend gespannt. Auch der Weihnachtsmarkt steht bereits auf ihrer persönlichen Wunschliste.
Eine Bühne mit großem technischem Aufwand
Dass die Produktion nicht nur musikalisch, sondern auch technisch einiges zu bieten hat, zeigt ein Blick auf die Ausstattung. Die Verantwortlichen haben für das Bühnenbild einen erheblichen Aufwand betrieben.
Zu sehen sind unter anderem eine Deichlandschaft, abgerissene Holzbohlen, ein Kachelofen und zahlreiche weitere Ausstattungsdetails. Im Hintergrund befindet sich eine große LED-Wand, die nicht einfach als Bildschirm eingesetzt wird, sondern Bestandteil des gesamten Bühnenbildes ist.
Spiegel an den seitlichen Bühnentürmen erweitern die optische Wirkung zusätzlich. Sie lassen die hintere Bühnenebene größer erscheinen und sollen den Eindruck einer nahezu grenzenlosen Landschaft vermitteln.
Auch die Drehbühne spielt eine wichtige Rolle. Die Inszenierung bleibt ständig in Bewegung. Szenenwechsel und Veränderungen der räumlichen Situation gehören zum dramaturgischen Konzept.
Für die Übertragung nach Hameln müssen allerdings einige technische Besonderheiten berücksichtigt werden. Denn die dortige Bühne unterscheidet sich von der Spielfläche in Fulda. Insbesondere die geringere Tiefe macht Anpassungen erforderlich.
So wird es hinter dem Deich in Hameln keinen vergleichbaren Durchgang geben wie in Fulda. Die Bühnentechniker haben deshalb bereits alternative Zugänge eingeplant. Türen in den hinteren Bühnenelementen ermöglichen den Darstellern, weiterhin von hinten auf die Spielfläche zu gelangen oder diese zu verlassen.
Die Produktion ist nach Angaben der Verantwortlichen von Anfang an so konzipiert worden, dass sie sowohl in Fulda als auch in Hameln funktioniert. Die wesentlichen Elemente der Inszenierung bleiben erhalten.
Ein düsterer Stoff mit großen Emotionen
Ganz unbeschwert ist die Geschichte allerdings nicht. „Der Schimmelreiter“ erzählt von menschlichen Konflikten, gesellschaftlicher Ablehnung, persönlichen Schicksalsschlägen und den zerstörerischen Kräften der Natur. Das Musical muss deshalb eine Balance finden zwischen dramatischer Intensität und einem unterhaltsamen Theaterabend.
Pamina Lenn bezeichnet gerade diese Verbindung als eine der großen Herausforderungen. Die Geschichte sei düster, es gebe viel Leid. Trotzdem müsse daraus ein stimmiger Abend entstehen, der das Publikum nicht nur bedrücke, sondern auch mitreiße.
Die bisherigen Reaktionen in Fulda stimmen die Darsteller zuversichtlich. Das Publikum gehe sehr gut mit der Inszenierung, berichtet Lenn. Auch die Presse habe positiv reagiert. Die Beteiligten seien deshalb überzeugt, eine außergewöhnliche Produktion geschaffen zu haben.
Dennis Martin verfolgt mit seiner musikalischen Bearbeitung ohnehin ein klares Ziel: Er möchte zeigen, dass Storms Novelle weit mehr ist als ein angestaubter Klassiker aus dem Deutschunterricht. Hinter der Geschichte steckt ein spannendes Drama über einen Menschen, der neue Wege gehen will und gerade deshalb an seiner Umgebung scheitert.
Für das Hamelner Publikum dürfte vor allem die Verbindung von Literatur, Musik, Schauspiel und aufwendiger Bühnentechnik interessant werden. Ein Klassiker erhält eine neue Gestalt – mit großen Bildern, einer dramatischen Klangwelt und einem Schimmel, der zwar nicht wirklich lebt, auf der Bühne aber beinahe so wirkt.
Und vielleicht ist das die größte Chance dieser Musicalfassung: Wer sich früher mit der Schullektüre schwergetan hat, bekommt nun Gelegenheit, Hauke Haien und seine Geschichte noch einmal ganz anders kennenzulernen.