Startseite
Montag, 12. Oktober 2026 - Allgemein
Zwischen Nostalgie und 3D-Druck: Die Eisenbahn lebt weiter
16. Eisenbahnbörse lockt Sammler und Technikbegeisterte – 23 Aussteller, neue digitale Möglichkeiten und Geschichten von lebenslangen Leidenschaften
Von Christoph Huppert
Die Liebe zur Eisenbahn kennt kein Alter. Das zeigt sich an den Tischen der 16. Eisenbahnbörse, wo sich Sammler, Bastler und Technikfreunde begegnen. Zwischen Lokomotiven, Gleisen und Zubehör geht es nicht allein um Kauf und Verkauf. Es geht auch um Erinnerungen, technische Neuerungen und die Frage, wie ein Hobby über Jahrzehnte hinweg Teil des eigenen Lebens bleiben kann.
Steinhoff: Mehr Aussteller, mehr Platz
Karsten Steinhoff, 42 Jahre alt, steht als Ansprechpartner für die Veranstaltung bereit. Er bestätigt: Es ist bereits die 16. Eisenbahnbörse. Mit der Resonanz zeigt er sich zufrieden.
„Wir haben 23 Aussteller“, berichtet Steinhoff über die Beteiligung. Die meisten kommen aus Südniedersachsen. Doch das Einzugsgebiet reicht weiter: Ein Anbieter ist eigens aus Berlin angereist.
Auch die Platzverhältnisse können sich sehen lassen. „Dieses Mal haben wir 112 Meter Standfläche“, erklärt Steinhoff. Der Preis für die Standfläche sei stabil geblieben: Zehn Euro pro Meter werden genannt.
Die Besucherzahl lässt sich dagegen schwer beziffern. Steinhoff rechnet jedoch mit mehr Zulauf als bei der Börse im vergangenen Jahr. Der Eindruck vor Ort passt zu seiner Einschätzung: Die Veranstaltung hat sich als Treffpunkt etabliert, an dem sich alte Bekannte wiedersehen und Interessierte neue Kontakte knüpfen können.
Das Smartphone steuert die Modellbahn
Für Steinhoff ist die Digitalisierung ein wichtiger Impuls für das traditionsreiche Hobby. Sie mache die Modelleisenbahn auch für Jüngere interessant.
„Wenn Sie mit dem Smartphone können Sie alles steuern, mit dem PC, mit dem Tablet“, beschreibt er die Möglichkeiten. Gerade darin liege ein zusätzlicher Anreiz für eine jüngere Generation.
Die klassischen Modellbahner verschwinden damit nicht. Viele kennen ihre Eisenbahn noch aus Kindertagen, als ein Trafo die Geschwindigkeit bestimmte und der Zug nach dem Drehen am Regler losfuhr. Doch inzwischen lassen sich Fahrverhalten, Signale und weitere Funktionen digital programmieren.
Steinhoff beobachtet, dass das Hobby zwischenzeitlich an Schwung verloren hatte, in jüngerer Zeit aber wieder Interesse gewinnt. Auch jüngere Menschen seien vertreten. Der Nachwuchs bleibt gleichwohl ein Thema: Kontakte zu Eisenbahn-AGs oder Schülergruppen bestehen nach seinen Worten derzeit nicht mehr. Ein Kinderferienprojekt habe man zwar im Blick, zur Umsetzung sei es bislang aber nicht gekommen.
Neben der jährlichen Börse veranstalten die Eisenbahnfreunde auch eigene Schautage. Die nächsten sind für den 27. und 28. Februar angekündigt. Dabei soll es ebenfalls um die ganze Bandbreite des Modellbaus gehen.
Kevin kennt die neuen Möglichkeiten
Wie weit sich die Technik entwickelt hat, erläutert Kevin, 22 Jahre alt und im Verein für den Modellbau zuständig. Er gehört zu einer Generation, für die digitale Steuerungen und neue Fertigungstechniken selbstverständlicher zum Hobby gehören.
Ganz ohne Klebstoff geht es allerdings noch nicht. Die klassischen Bausätze müssen weiterhin zusammengebaut und verklebt werden. Doch die Möglichkeiten sind vielfältiger geworden.
Besonders der 3D-Druck eröffnet neue Wege. Fehlende Teile lassen sich selbst herstellen, wenn die entsprechenden Vorlagen vorhanden sind. Auch Figuren und Tiere können in Miniaturform entstehen, teilweise sogar mit beweglichen Elementen.
„Ich glaube, das ist der 3D-Druck jetzt, dass man fehlende Sachen sich selber drucken kann“, fasst Kevin den Vorteil zusammen.
Dazu werden die gewünschten Modelle digital gezeichnet und anschließend Schicht für Schicht gedruckt. So können Modellbauer individuelle Bauteile ergänzen, die nicht mehr im Handel erhältlich sind oder die sie eigens für ihre Anlage benötigen.
Die Entwicklung endet nicht bei Gebäuden und Figuren. Auch bewegliche Fahrzeuge gehören zur Modellbauwelt. Beim sogenannten Carsystem fahren kleine Autos auf vorgegebenen Strecken selbstständig. Ein Magnetband in der Straße und ein Schleifer unter dem Fahrzeug sorgen dafür, dass die Fahrzeuge ihrer Spur folgen. Zusätzliche Module können beispielsweise Haltestellen in das System einbeziehen.
Auch hier hat die Digitalisierung Einzug gehalten. Wie weit die Technik im Einzelfall reicht, hängt von den jeweiligen Komponenten ab.
Langsames Anfahren wie beim Vorbild
Besonders anschaulich wird der technische Fortschritt bei der Steuerung der Lokomotiven. Früher genügte häufig ein Dreh am Trafo, um den Zug in Bewegung zu setzen. Heute können Modellbahner das Anfahren viel realistischer gestalten.
Kevin erklärt, dass sich die Anfahrbeschleunigung bei digitalen Lokomotiven programmieren lässt. Wird der entsprechende Wert verändert, setzt sich die Lok langsamer oder schneller in Bewegung. So entsteht der Eindruck eines schweren Zuges, der erst allmählich Fahrt aufnimmt.
Auch Signale lassen sich einbinden. Züge können Informationen über Signalstellungen erhalten und ihre Reaktionen darauf abstimmen. Bei manchen Modellen ist darüber hinaus eine Lokführerperspektive mit Kameratechnik möglich.
Damit wird die Modellbahn mehr als ein Zug, der seine Runden auf einer Platte dreht. Sie entwickelt sich zu einer kleinen technischen Welt, in der Fahrbetrieb, Geräusche und Steuerung möglichst nah am großen Vorbild ausgerichtet werden.
Martin Wilkat: Eine Eisenbahn aus Kindertagen
Doch nicht jeder Besucher sucht das Neueste. Für Martin Wilkat, 64 Jahre alt, steht die persönliche Geschichte im Vordergrund. Er ist als privater Anbieter bereits zum fünften Mal bei der Eisenbahnbörse dabei.
„Es ist eine schöne Atmosphäre hier, das gefällt mir immer sehr gut“, sagt Wilkat über die Veranstaltung.
Der Grund für sein Angebot ist ganz praktischer Natur: Er möchte Platz schaffen und sein Hobby verkleinern. Die Modelleisenbahn begleitet ihn seit seiner Kindheit. Sein Vater schenkte ihm damals eine Märklin-Bahn. Aus der ersten Eisenbahn wurde mit den Jahren eine umfangreiche Sammlung.
Immer wieder kam etwas hinzu. Eine Lok hier, weiteres Zubehör dort – und irgendwann stellt sich die Frage, was mit all den angesammelten Schätzen geschehen soll.
„Wenn man älter wird, dann überlegt man irgendwann: Was machst du mit den ganzen Sachen?“, beschreibt Wilkat seine Überlegung.
Der Verkauf ist deshalb kein Abschied von einer beliebigen Sammlung. Er ist vielmehr der Versuch, mit einer über Jahrzehnte gewachsenen Leidenschaft vernünftig umzugehen.
Wenn das Hobby zu groß wird
Diese Erfahrung kennt auch mancher andere Sammler. Große Anlagen brauchen Platz, Zeit und gelegentlich auch körperliche Kraft. Wer weniger mobil wird oder umzieht, muss sich irgendwann mit der Frage beschäftigen, wie es mit der Eisenbahn weitergehen soll.
Wilkat berichtet von seiner Märklin-Bahn, die sein Vater ihm als Jungen geschenkt hatte. Über die Jahre wuchs sie stetig weiter. Nun möchte er einen Teil davon abgeben.
Auch die nächste Generation übernimmt die Begeisterung nicht automatisch. Erwachsene Kinder haben häufig eigene Interessen. Was für die Eltern eine wertvolle Sammlung ist, muss für die Kinder nicht denselben Stellenwert besitzen.
Gerade deshalb bekommen Börsen wie diese eine besondere Bedeutung: Hier finden Modelle und Zubehör neue Besitzer, statt ungenutzt in Schränken oder Kartons zu bleiben.
Ein Berliner macht sich auf den Weg
Dass die Leidenschaft für die Eisenbahn auch längere Wege rechtfertigt, zeigt ein weiterer Anbieter: Wilm Knopp aus Berlin. Er ist mit seiner Frau Isolde angereist und hat dafür eine dreistündige Fahrt auf sich genommen.
Das Paar machte sich bereits um vier Uhr morgens auf den Weg nach Hameln. Am Abend soll es wieder zurückgehen.
Knopp ist seit 25 Jahren pensioniert und steht kurz vor seinem 79. Geburtstag. Seine Begeisterung für die Modelleisenbahn begann bereits im Kindesalter.
„Das fängt mit Märklin an“, erzählt er von seinen ersten Erfahrungen. Später wechselte er auch zum Gleichstromsystem. Seine Sammlung umfasst heute nach eigener Schätzung 60 bis 70 Lokomotiven – von frühen Modellen aus den Anfangsjahren bis hin zu digital ausgestatteten Fahrzeugen.
„Wenn man so einen Virus hat, ist das dann sehr schwierig“, sagt Knopp mit einem Schmunzeln.
Er kennt allerdings auch die Kehrseite: Irgendwann wird aus der Leidenschaft eine Menge Material, das Platz beansprucht. Knopp bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als „Schachtelbahner“ – die Eisenbahn ist vorhanden, bleibt aber häufig verpackt im Schrank.
Seine Reise nach Hameln hat noch einen weiteren Grund. In Berlin gebe es inzwischen nur noch wenige Börsen, berichtet er. Viele Veranstaltungen seien weggefallen. Als sich die Gelegenheit bot, in Hameln selbst als Anbieter dabei zu sein, habe er deshalb zugesagt.
Technik zum Anfassen
Auch Olaf Thamm hat etwas Besonderes mitgebracht: einen Rollenprüfstand für die Eisenbahnfreunde Hameln. Damit lassen sich analoge und digitale Lokomotiven testen.
Die Lok wird auf Rollen gestellt, während elektronische Steuereinheiten über einen Laptop bedient werden. Auf dem Monitor können Funktionen ausgelesen und die Ausstattung der Lok überprüft werden.
Bei digitalen Modellen lassen sich unter anderem Soundfunktionen und weitere Eigenschaften kontrollieren. Auch eine Geschwindigkeitsmessung ist möglich. So kann festgestellt werden, ob die Lok die gewünschte Modellgeschwindigkeit erreicht.
Thamm führt vor, wie eine Lok auf dem Prüfstand in Bewegung gesetzt wird. Nicht immer klappt alles auf Anhieb. Manchmal braucht es einen zweiten Versuch. Gerade das macht die Vorführung anschaulich: Auch moderne Technik ist nicht frei von kleinen Tücken.
Eine Leidenschaft mit Zukunft
Die 16. Eisenbahnbörse zeigt damit zwei Seiten eines traditionsreichen Hobbys. Da sind die Sammler, die ihre ersten Loks noch aus der Kindheit kennen, und jene, die heute mit digitalen Steuerungen, Kameras und 3D-Druck experimentieren.
Die einen suchen Ersatzteile und Raritäten, die anderen wollen ihre Sammlung verkleinern. Dazwischen stehen junge Modellbauer, die neue Ideen und technische Möglichkeiten entdecken.
Am Ende verbindet sie mehr als die Eisenbahn. Es ist die Freude daran, kleine Welten zu gestalten, Technik zu verstehen und Erinnerungen zu bewahren. Und solange sich Menschen dafür begeistern, werden die Züge auch künftig ihre Runden drehen.
Drei vom Pufferstand: Die Alte Wache feiert den Herbst
Beim Herbstfest in Hasperde geht es um Kartoffelpuffer, Kürbissuppe und vor allem um das Miteinander. Der Verein setzt auf Begegnungen im Dorf – und blickt schon auf die nächsten Veranstaltungen.
Von Christoph Huppert
Der Duft von Kartoffelpuffern liegt in der Luft
Es ist Herbst in Hasperde. Über dem Gelände der Alten Wache stehen Pavillons, Menschen kommen miteinander ins Gespräch, und an der Essensausgabe dreht sich alles um eine Spezialität, die bei vielen Besuchern Erinnerungen an frühere Zeiten weckt: frisch gebratene Kartoffelpuffer.
Dazu gibt es Pilzpfanne und Kürbissuppe. Es sind die passenden Gerichte für diese Jahreszeit, in der die Tage kürzer werden und man es sich gerne mit anderen gemütlich macht. Das kleine Herbstfest der Alten Wache ist dabei weit mehr als eine Gelegenheit, gemeinsam zu essen.
„Das Wichtigste dabei ist eigentlich das Kartoffelpufferbraten“, erklärt eine Vertreterin des Vereins mit einem Lächeln. Doch schnell wird deutlich, dass es nicht allein um die kulinarischen Genüsse geht. Die Veranstaltung soll Menschen zusammenbringen, Gespräche ermöglichen und das Gemeinschaftsgefühl im Ort stärken.
Bis zu 200 Gäste hatte man bei freundlichem Herbstwetter erwartet. Sollte es regnen, steht eine Alternative bereit: Dann wird eben drinnen zusammengerückt. „Plan B wäre, dass es hier drinnen stattfindet, dass wir alle nach drinnen ein bisschen enger zusammenrücken können“, sagt die Organisatorin und Vorsitzende der „Alten Wache“, Brigitte Ehrlich.
Drei Männer am Pufferstand
Während andernorts die Damen am Grill stehen, sind in Hasperde drei Männer für die Kartoffelpuffer zuständig. Einer von ihnen ist Erich Gudde, der gemeinsam mit seinen Mitstreitern dafür sorgt, dass die knusprigen Fladen auf die Teller kommen.
Gudde ist 76 Jahre alt und seit den Anfängen dabei. „Seitdem wir hier den Verein gegründet haben und das erste Herbstfest gemacht haben, haben wir Puffer gemacht. Und seitdem mache ich das. Alle Jahre wieder, kann man so sagen“, erzählt er.
Das Rezept ist allerdings ein gut gehütetes Geheimnis. Auf die Frage, was in einen echten Alte-Wache-Kartoffelpuffer gehört, kommt die knappe Antwort: „Das verraten wir natürlich nicht.“
Ein wenig lässt sich der erfahrene Pufferbrater dann doch entlocken. Kartoffeln seien natürlich wichtig, erklärt er. Alles Weitere bleibt Sache der Küchenmannschaft. Schließlich soll die Spezialität auch beim nächsten Fest wieder schmecken.
Früher seien 300 bis 350 Kartoffelpuffer gebraten worden, berichtet Gudde. Diesmal fällt die Menge wegen des wechselhaften Wetters etwas kleiner aus. Rund 200 Stück sind die übliche Größenordnung für das Fest.
Die Tradition hat sich inzwischen etabliert. Seit der Vereinsgründung gehört das Kartoffelpufferbraten zum Herbstprogramm. Was für die Besucher nach einer herzhaften Mahlzeit aussieht, bedeutet für die Helfer einige Arbeit – und für die Gäste einen guten Grund, wiederzukommen.
Ein Treffpunkt für das Dorf
Dass die Alte Wache mehr sein will als ein Veranstaltungsort, zeigt sich in den Gesprächen am Rande des Festes. „Kommunikativ“ solle es zugehen, sagt die Organisatorin. Die Menschen sollten sich wiedersehen, miteinander reden und einen angenehmen Nachmittag verbringen.
Gerade in kleineren Ortschaften sind solche Begegnungen wichtig. Die Alte Wache versteht sich als Anlaufstelle für das gesellschaftliche Leben in Hasperde. Nach Angaben aus dem Verein ist sie der einzige verbliebene Verein im Ort. Umso wichtiger seien Kooperationen mit den Nachbarorten Flegessen und Klein Süntel.
Auch Besucher aus Bad Münder gehören längst zur Stammkundschaft. Heike Oklitz ist nach eigener Aussage regelmäßig dabei. Kartoffelpuffer selbst zuzubereiten, sei schließlich mit einigem Aufwand verbunden. „Wenn ich sie hier kriege, dann gehe ich hier hin. Außerdem stinkt’s nicht so in der Küche“, sagt sie lachend.
Es ist eine Antwort, die gut zum unkomplizierten Charakter des Festes passt: Man trifft Bekannte, isst gemeinsam und muss sich um die Arbeit am Herd nicht selbst kümmern.
Anerkennung für das Ehrenamt
Neben dem Herbstfest gibt es für die Alte Wache auch eine Nachricht, über die sich die Verantwortlichen freuen. Der Verein ist für eine Auszeichnung der AWESA nominiert worden. Die Ehrung soll am 23. Oktober stattfinden. Ob die Zahl der Stimmen für eine Auszeichnung reicht, war zum Zeitpunkt des Gesprächs noch offen.
Für die Organisatoren ist bereits die Nominierung eine Anerkennung ihrer Arbeit. Denn Veranstaltungen wie das Herbstfest entstehen nicht von allein. Es braucht Menschen, die planen, einkaufen, kochen, aufbauen und anschließend wieder aufräumen.
Auch praktische Verbesserungen für die Vereinsarbeit stehen auf der Wunschliste. So möchte die Alte Wache neue Tische anschaffen, die sich zusammenklappen und rollen lassen. Ein entsprechender Antrag wurde gestellt; von der Sparkassenstiftung Weserbergland gibt es nach Angaben des Vereins eine positive Rückmeldung.
Solche Anschaffungen mögen auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen. Für einen Verein, der regelmäßig Veranstaltungen ausrichtet, können sie jedoch eine spürbare Erleichterung bedeuten.
Vom Herbstfest bis zum Weihnachtsmarkt
Lange bleibt es in der Alten Wache nicht ruhig. Für den 25. Oktober ist um 14 Uhr ein Gottesdienst mit Taufe vorgesehen. Anschließend soll es Kaffee und Kuchen geben. Der Verein freut sich besonders darüber, dass damit auch der jüngster Mitbürger aus Hasperde in den Mittelpunkt rückt.
In der Adventszeit stehen weitere Begegnungen auf dem Programm. Am 29. November, dem ersten Advent, findet im Schloss wieder ein Weihnachtsmarkt statt. Kunsthandwerker, Weihnachtsmann, Kaffee und Kuchen sowie Bratwurst sollen für vorweihnachtliche Stimmung sorgen.
Daneben sind offene Adventstreffen geplant, bei denen man sich abends unkompliziert begegnen kann. Ob auch eine Feuerzangenbowle dazugehört, muss noch besprochen werden.
Und auch das kommende Jahr ist bereits im Blick: Grünkohlessen, Knobeln, ein Kunsthandwerkermarkt im März, Kleidertauschbörsen und das Gutsparkfest im Juli sollen das bewährte Veranstaltungsprogramm fortsetzen.
Gemeinschaft braucht Menschen
Die Alte Wache kann nicht alle Probleme eines Dorfes lösen. Auch die Verantwortlichen sehen, dass es nicht viele junge Familien gibt. Umso mehr freuen sie sich über die Taufe, die im Oktober in ihren Räumen stattfinden soll.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung des Vereins: Er schafft Gelegenheiten, bei denen Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen können – beim Gottesdienst ebenso wie beim Kartoffelpufferessen.
Am Ende geht es an diesem Herbsttag deshalb um mehr als knusprige Fladen und dampfende Kürbissuppe. Es geht um Menschen, die sich Zeit füreinander nehmen, die gemeinsam etwas auf die Beine stellen und die ihren Ort lebendig halten wollen.
Die drei Männer am Pufferstein gehören dazu. Sie stehen an der heißen Pfanne, halten ihr Rezept geheim und machen weiter wie in den Jahren zuvor. Für die Gäste ist das ein kulinarischer Genuss. Für Hasperde ist es ein Stück gelebte Gemeinschaft.
Dienstag, 29. September 2026 - Allgemein, Zeitung
Wenn die Erinnerung zur Falle wird
Stefan Roduners Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“ führt in die Abgründe menschlicher Schuld – und zu einem Privatdetektiv, der sich nicht mit vorschnellen Wahrheiten zufriedengibt
Von Christoph Huppert
Manchmal ist nicht das, was wir getan haben, das Schlimmste. Sondern das, woran wir uns nicht mehr erinnern können. Mit diesem beunruhigenden Gedanken beginnt Stefan Roduner seinen neuen Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“. Der Schweizer Autor schickt darin seinen Privatdetektiv Milan Sommer auf eine Spurensuche, bei der es nicht nur um einen verschwundenen Psychiater, sondern auch um die Verlässlichkeit menschlicher Erinnerungen geht.
Schon der Titel verspricht wenig Erfreuliches. Und tatsächlich führt Roduner seine Leser in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Erinnerung und Verdrängung zunehmend verschwimmen.
Eine Patientin unter Verdacht
Im Mittelpunkt steht Elvira Brenzikofer. Die Frau wird von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt. Nachts quälen sie verstörende Träume, tagsüber bleiben Erinnerungen, die ihr zunehmend fremd erscheinen. Auf der Suche nach Hilfe wendet sie sich an einen angesehenen Zürcher Psychiater.
Doch die erhoffte Befreiung wird zum Ausgangspunkt einer Katastrophe.
Wenige Tage später wird der Arzt schwer verletzt in seiner Praxis aufgefunden. Blut auf dem Parkett, ein umgestürzter Stuhl, keine Zeugen. Kurz darauf ist der Psychiater spurlos verschwunden.
Elvira war die letzte Person, die ihn lebend gesehen hat. Bei einer Durchsuchung ihres Hauses entdecken die Ermittler Unterlagen aus der Praxis, ein blutbeflecktes Halstuch und gelöschte Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon. Die Indizien scheinen eindeutig.
Elvira gesteht zunächst, widerruft jedoch wenig später. Sie bricht zusammen und schweigt. Eine Leiche gibt es nicht, ein überzeugendes Motiv ebenfalls nicht. Trotzdem scheint sich für die Polizei ein schlüssiges Bild zu ergeben.
Nur einer will sich damit nicht zufriedengeben.
Milan Sommer sucht die Wahrheit
Privatdetektiv Milan Sommer, bereits aus Roduners Roman „Blutrote Leidenschaft“ bekannt, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Er ist kein Mann für schnelle Urteile. Während andere die Schuldfrage längst beantwortet glauben, nimmt er die Angst in Elviras Augen wahr.
Seine Nachforschungen führen ihn in die diskrete Welt wohlhabender Zürcher Klienten, zu undurchsichtigen Finanzgeschäften und Beziehungen, die offiziell niemals existiert haben sollen.
Dabei entdeckt Sommer, dass der Psychiater offenbar mehr tat, als nur seelische Verletzungen zu behandeln. Er wusste Dinge über seine Patienten. Geheimnisse, die für manche Menschen einen erheblichen Preis haben könnten.
Je weiter der Privatdetektiv vordringt, desto rätselhafter wird der Fall. Beweise tauchen auf und verschwinden wieder. Zeugen erinnern sich plötzlich anders. Und während Sommer versucht, die verschiedenen Spuren zusammenzufügen, sitzt Elvira in Untersuchungshaft.
Dort beginnt für sie ein zweiter Kampf: gegen die Vorwürfe, gegen die Isolation und vor allem gegen das eigene Gedächtnis. Was ist tatsächlich geschehen? Was hat sie verdrängt? Und kann sie überhaupt noch jemandem vertrauen, wenn sie sich selbst nicht mehr sicher ist?
Zwischen Krimi und Psychogramm
Stefan Roduner, 1966 in Frauenfeld geboren, kennt die Welt der Straftäter nicht ausschließlich aus der Literatur. Seit vielen Jahren arbeitet er im Justizvollzug und betreut dort auch Schwerstkriminelle. Die Lebensgeschichten, die ihm in seinem Berufsalltag begegnen, bilden einen Erfahrungshintergrund für seine schriftstellerische Arbeit.
Das ist dem Roman anzumerken. Roduner interessiert sich nicht allein für die Konstruktion eines möglichst komplizierten Verbrechens. Ihn beschäftigen die Menschen hinter den Verdachtsmomenten, ihre Ängste, ihre Geheimnisse und ihre Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen.
Gerade die Figur der Elvira Brenzikofer verleiht dem Geschehen eine zusätzliche Dimension. Sie ist nicht einfach die klassische Verdächtige, die ihre Unschuld beweisen muss. Ihre eigene Erinnerung wird zum unsicheren Terrain. Damit verschiebt sich die zentrale Frage des Romans: Nicht nur, wer den Psychiater verschwinden ließ, sondern auch, wie zuverlässig das ist, was wir für unsere persönliche Wahrheit halten.
Ein Krimi mit psychologischem Tiefgang
Roduner versteht es, eine Atmosphäre des Misstrauens aufzubauen. Die Handlung entwickelt sich aus scheinbar eindeutigen Indizien, die bei näherem Hinsehen immer neue Fragen aufwerfen. Das macht den Reiz der Geschichte aus.
Allerdings verlangt der Roman seinen Lesern auch einiges an Aufmerksamkeit ab. Die Vielzahl der Geheimnisse und die psychologische Verunsicherung können gelegentlich den unmittelbaren kriminalistischen Handlungsfluss überlagern. Wer einen geradlinigen Ermittlerkrimi mit hohem Tempo und ständig neuen spektakulären Wendungen erwartet, dürfte deshalb andere Akzente setzen.
Doch gerade darin liegt auch die Eigenart dieses Buches. Roduner interessiert sich weniger für den bloßen Nervenkitzel als für die Brüchigkeit menschlicher Gewissheiten.
Milan Sommer ist dabei ein Ermittler, dessen Stärke nicht in spektakulären Auftritten liegt, sondern in seiner Bereitschaft, zuzuhören und Zweifel auszuhalten. Er weiß, dass ein Geständnis noch keine Wahrheit sein muss und dass eine überzeugende Geschichte nicht zwangsläufig die richtige ist.
„Tiefschwarze Träume“ ist damit mehr als ein klassischer Whodunit. Es ist ein Kriminalroman über Schuld, Verdrängung und die Frage, wie leicht sich Menschen von scheinbar eindeutigen Beweisen täuschen lassen.
Fazit: Stefan Roduner legt einen psychologisch angelegten Krimi vor, der seine Spannung aus den dunklen Bereichen der menschlichen Seele bezieht. Ein Buch für Leser, die nicht nur wissen wollen, wer es getan hat, sondern auch verstehen möchten, warum Menschen schweigen, lügen oder an ihrer eigenen Erinnerung verzweifeln.
Stefan Roduner: „Tiefschwarze Träume“. Kriminalroman. Neptun Verlag, Bern 2026, 220 Seiten. ISBN 978-3-85820-413-4.
Weitere Einträge