Freitag, 04. September 2026 - Allgemein
Deserteure – eine unbequeme Frage des Gewissens
Rolf Cantzen stellt in Völksen sein Buch über Menschen vor, die sich dem Krieg verweigern Es ist ein Wort, das bis heute einen unangenehmen Klang hat: Deserteur. Wer desertiert, verlässt seine Einheit, entzieht sich dem Befehl und bricht mit der Erwartung, die ihm Staat und Militär auferlegen. Für die einen ist das Feigheit oder Verrat. Für andere ist es eine Gewissensentscheidung – vielleicht sogar eine besonders mutige Form des Widerstands. Genau an diesem Spannungsfeld setzt Rolf Cantzens Buch „Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht“ an.
Wenn Gehorsam an Grenzen stößt
Cantzen interessiert sich nicht allein für die militärische oder juristische Seite der Desertion. Ihn beschäftigt vor allem die Frage, was in einem Menschen vorgeht, der sich entscheidet, nicht mehr mitzumachen. Die Gründe können sehr verschieden sein.
Angst vor dem Tod gehört dazu. Aber auch die Weigerung, selbst zu töten.
Religiöse Überzeugungen können eine Rolle spielen, ebenso politische oder humanistische Vorstellungen. Manchmal ist es aber auch schlicht der Moment, in dem ein Mensch sagt: Ich kann und will das nicht mehr. Damit wird Desertion zu einer Frage der persönlichen Verantwortung. Was ist wichtiger: der Befehl oder das eigene Gewissen?
Ein Blick weit zurück
Cantzen beschränkt sich dabei keineswegs auf die jüngere deutsche Geschichte. Sein historischer Bogen reicht vom Römischen Reich über die frühe Neuzeit und die Weltkriege bis zu den Kriegen der Gegenwart.
Dabei zeigt sich, dass Desertion keineswegs ein Randphänomen der Geschichte gewesen ist. Immer wieder haben Menschen den Kriegsdienst verweigert oder sich dem militärischen Zugriff entzogen. Die Reaktionen darauf waren häufig brutal. Wer die Fahne verließ, musste mit Gefängnis, gesellschaftlicher Ächtung und in vielen Fällen sogar mit dem Tod rechnen.
Besonders bedrückend ist der Blick auf die NS-Zeit. Soldaten der Wehrmacht, die sich dem Krieg entzogen, wurden von der Militärjustiz verfolgt und vielfach zum Tode verurteilt.
Dass diese Menschen nach 1945 lange weiterhin als Verräter galten, gehört zu den bitteren Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Geschichte ist nicht vorbei
Gerade hier bekommt Cantzens Buch seine besondere Aktualität. Denn die Frage, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, die sich einem Krieg verweigern, ist keineswegs nur historisch.
Auch heute verlassen Menschen ihre Armeen. Auch heute fliehen Soldaten vor dem Krieg. Und auch heute wird darüber gestritten, ob Desertion als Verrat oder als Ausdruck eines persönlichen Gewissens verstanden werden soll. Cantzen zwingt seine Leserinnen und Leser dabei nicht zu einer einfachen Antwort. Er stellt vielmehr die Entscheidung des Einzelnen in den Mittelpunkt.
Das macht die Lektüre unbequem.
Denn man kann die Frage nach dem Deserteur nicht beantworten, ohne irgendwann auch über die eigene Haltung zu Gehorsam, Gewalt und Verantwortung nachzudenken.
Eine Frage, die bleibt
Vielleicht ist genau das die Stärke dieses Buches.
„Deserteure“ ist keine Heldengeschichte und auch keine bloße historische Dokumentation. Es ist ein Buch über Menschen, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens eine Grenze gezogen haben.
Sie haben Nein gesagt. Manchmal aus Überzeugung, manchmal aus Angst, manchmal aus beidem. Und sie mussten mit den Folgen dieser Entscheidung leben.
Je länger man darüber nachdenkt, desto schwieriger wird es, das Wort „Deserteur“ einfach als Schimpfwort zu verwenden. Denn hinter diesem Wort stehen Menschen.
Menschen mit Gewissen, mit Angst, mit Hoffnungen und mit der Vorstellung davon, was sie selbst noch verantworten können. Mein persönlicher Eindruck
Für mich liegt genau darin der besondere Reiz von Rolf Cantzens Buch. Es geht nicht nur um eine vergangene Welt. Es geht um eine Entscheidung, die unter den Bedingungen des Krieges immer wieder neu getroffen werden muss.
Wann wird Gehorsam zur Schuld?
Wann wird Verweigerung zum Widerstand?
Und wie viel Mut gehört dazu, sich einer Mehrheit entgegenzustellen?
Solche Fragen lassen sich nach der Lektüre nicht einfach beiseitelegen.
Vielleicht ist das die wichtigste Leistung dieses Buches: Es verändert den Blick auf ein Wort.
Aus dem vermeintlichen „Verräter“ wird ein Mensch, der eine Entscheidung getroffen hat.
Eine Entscheidung gegen den Krieg – und für das eigene Gewissen.
Bibliografische Angaben
Rolf Cantzen: Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht
zuKlampen Verlag, Springe
Hardcover, 240 Seiten
ISBN 978-3-98737-030-0
Dienstag, 01. September 2026 - Zeitung
„Eck glöbe woll!“ – wo das Platt noch zu Hause istZwischen Bad Münder, Eimbeckhausen und Hachmühlen hat die alte Mundart viele Gesichter – doch sie droht zu verstummen
Von Christoph Huppert
BAD MÜNDER. Man musste früher nicht nach dem Namen fragen. Ein paar Sätze genügten – und man wusste, aus welchem Dorf das Gegenüber kam. Ob Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen oder Welliehausen: Das Plattdeutsche hatte im Raum Bad Münder viele Gesichter.
Heute ist davon nur noch wenig zu hören.
„Ich bin davon überzeugt, dass die plattdeutsche Sprache hier zumindest in unserer Region eigentlich ausgestorben ist“, sagt Michael Meyer, der Vorsitzende der Ortsgruppe des Heimatbundes. Anders als etwa in Bayern oder Franken werde die Mundart hier kaum noch im Alltag gepflegt.
Dabei geht mit der Sprache mehr verloren als eine Sammlung alter Wörter. In ihr steckt auch ein Stück Orts- und Familiengeschichte.
Der Maulwurf als sprachlicher Prüfstein
Wer vom „Plattdeutschen in Bad Münder“ spricht, macht es sich allerdings zu einfach. Die zahlreichen Ortsteile haben jeweils ihre eigene sprachliche Geschichte.
Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen und Welliehausen liegen nur wenige Kilometer auseinander. Trotzdem konnten Aussprache und Wortschatz voneinander abweichen.
Meyer nennt dafür ein anschauliches Beispiel: den Maulwurf. „In dem einen Dorf ist der Maulwurf der Mull und im nächsten ist ja der Mullewurm“, berichtet er.
Solche Unterschiede waren früher ganz selbstverständlich. Heute werden sie zum Problem für diejenigen, die das Platt bewahren wollen.
„Will man sich dann darauf einigen, dass ein Münders Platt gesprochen wird?“, fragt Meyer. Oder soll das Eimbeckhäuser oder Hachmühlner Platt maßgeblich sein?
„Eck“ statt „ich“
Sprachwissenschaftlich gehört die Region zum Calenberger Platt und damit zum ostfälischen Bereich des Niederdeutschen. Das erklärt manche Besonderheiten, die sich vom Platt anderer Regionen unterscheiden.
So heißt „ich“ traditionell „ek“ oder „eck“. „Eck glöbe woll!“ – „Ich glaube wohl!“ – kann je nach Zusammenhang Zustimmung, Erstaunen oder auch Widerspruch ausdrücken.
Weitere Wörter wie „ok“ oder „och“ für „auch“ oder „vandage“ für „heute“ erinnern an die alte Mundart.
Das Niederdeutsche hat die hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht. Deshalb stehen Formen wie „Perd“, „gliek“ oder „eeten“ den hochdeutschen Wörtern „Pferd“, „gleich“ und „essen“ gegenüber.
Eimbeckhausen als Mundart-Ort
Besonders eng mit dem Plattdeutschen verbunden ist Eimbeckhausen. Die Ortschaft ist ein wichtiger Ort der regionalen Heimatpflege. Auch die Mundart-Künstlerin Brigitte Wehrhahn hat mit ihren Programmen „Wat schall dat?“ und „Öok dat noch!“ die Sprache öffentlich hörbar gemacht.
Platt funktioniert auf der Bühne durchaus noch – mit Humor, Ironie und seinem besonderen Klang. Doch zwischen einer Mundart als Kulturprogramm und einer Sprache, die Kinder zu Hause lernen, liegt ein großer Unterschied.
Hachmühlen, Holtensen und die kleinen Unterschiede
Auch in Hachmühlen und den umliegenden Dörfern war Platt einst Alltagssprache. In Holtensen, Unsen und Welliehausen wurde es von Generation zu Generation weitergegeben.
Eine einheitliche Sprachform gab es dabei nicht. Vokale wurden unterschiedlich ausgesprochen, Wörter wechselten und selbst grammatische Endungen konnten variieren.
Für die Sprachforschung ist dieses Mosaik wertvoll. Für den heutigen Spracherhalt macht es die Sache komplizierter.
Zwischen Ostfälisch und Westfälisch
Hinzu kommt die besondere Lage des Deister-Süntel-Tals. Bad Münder liegt im ostfälischen Sprachraum, westlich des Süntels beginnt der Einfluss des Westfälischen.
Im Schaumburger Land entwickelten sich andere Formen des Plattdeutschen. Die sprachlichen Grenzen verliefen dabei nicht scharf, sondern wurden durch Wanderung, Arbeit, Heirat und Handel durchlässig.
Das Tal war deshalb schon immer eine Übergangslandschaft, in der verschiedene Sprachformen aufeinandertrafen.
Was der Bergbau hinterlassen hat
Auch der historische Steinkohlebergbau hat Spuren hinterlassen. Im Deister und im Osterwald arbeiteten Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammen.
Mit ihnen kamen neue Begriffe und sprachliche Einflüsse. Wörter wie „Kuhle“ für die Grube, „Schorsteen“ für den Schornstein oder „Kumpel“ erinnern an diese Arbeitswelt.
Sprache erzählt damit zugleich die Geschichte der Region.
Von der Süntelbeuke bis zum „Schiet“
Manche Wörter sind unmittelbar mit der Landschaft verbunden. Die verdreht wachsenden Buchen des Süntels heißen „Süntelbeuke“ oder „Kruse Beuke“.
Andere Begriffe gehören zum Alltag früherer Generationen: „Dat is doch allet en Schiet“ oder „Kumm mal her vör de Döör“.
Solche Wörter und Redewendungen sind kleine sprachliche Erinnerungsstücke. Werden sie nicht weitergegeben, verschwinden sie mit den Menschen, die sie noch kennen.
Vom Küchentisch in die Heimatpflege
Die entscheidende Veränderung hat sich deshalb weniger auf der Bühne als zu Hause vollzogen.
Früher wurde Platt am Küchentisch, auf dem Hof, im Geschäft und unter Nachbarn gesprochen. Kinder hörten die Sprache und übernahmen sie ganz selbstverständlich.
Heute sprechen Familien überwiegend Hochdeutsch. Platt wird teilweise noch verstanden, aber immer seltener aktiv verwendet. Genau dadurch schrumpft auch der alte Wortschatz.
Heimatvereine und regionale Publikationen versuchen, diesem Verlust entgegenzuwirken. Die Zeitschrift „Der Söltjer“ dokumentiert Geschichten, Erinnerungen und sprachliche Besonderheiten aus Bad Münder und Umgebung.
Auch Sagen und Erzählungen aus dem Süntel und dem Raum Hameln gehören zu diesem kulturellen Gedächtnis.
Was vom Platt bleibt
Meyers Einschätzung ist vor allem eine Warnung: Als Alltagssprache ist das Plattdeutsche im Raum Bad Münder weitgehend verschwunden. Geblieben sind regionale Wörter, Redewendungen und unterschiedliche Dorfmundarten.
Sie zu bewahren, bedeutet deshalb nicht unbedingt, ein einheitliches „Münders Platt“ neu zu schaffen. Entscheidend ist vielmehr, das sprachliche Erbe von Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen, Welliehausen und den anderen Ortsteilen zu dokumentieren und weiterzugeben.
Fotos: Christoph Huppert