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Der „Schimmelreiter“ reitet in Hameln

Freitag, 06. November 2026 - Allgemein

Der Schimmelreiter kommt nach Hameln – ein Musical zwischen Sturm, Drama und großen Gefühlen

Spotlight Musicals bringt Theodor Storms berühmte Novelle auf die Bühne / Aufwendige Kulissen, mitreißende Musik und ein ungewöhnliches Pferd gehören zu den Besonderheiten der Inszenierung

Von Christoph Huppert

HAMELN. Ein Schimmel, der scheinbar zum Leben erwacht, eine gewaltige Deichlandschaft, Sturm und Naturgewalten und eine Geschichte über einen Mann, der seiner Zeit voraus ist: Mit dem Musical „Der Schimmelreiter“ bringt Spotlight Musicals einen Klassiker der deutschen Literatur auf die Bühne. Nach der Spielzeit in Fulda wird die Produktion auch in Hameln zu erleben sein. Dass dabei nicht einfach eine bekannte Schullektüre musikalisch nacherzählt wird, sondern ein eigenständiges Bühnenerlebnis entsteht, wurde bereits bei einem Blick hinter die Kulissen deutlich.

Theodor Storms 1888 veröffentlichte Novelle gehört zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich mit dem Schicksal des Deichgrafen Hauke Haien beschäftigt. Nicht alle haben dabei uneingeschränkt Begeisterung entwickelt. Für Musical-Komponist und Buchautor Dennis Martin ist das allerdings kein Grund, den Stoff für die Bühne nicht neu zu entdecken. Im Gegenteil: Gerade die dramatische Handlung, die unterschiedlichen Figuren und die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur hätten ihn zu einer musikalischen Umsetzung gereizt.

Eine Geschichte, die bis heute aktuell ist

Martin, der gemeinsam mit Peter Scholz die Spotlight Musicals GmbH führt, kennt den Stoff schon aus seiner eigenen Schulzeit. Später begegnete ihm die Novelle auf einer längeren Autofahrt erneut – diesmal als Hörbuch. Dabei sei ihm aufgefallen, wie viel dramaturgisches Potenzial in der Geschichte stecke. Die Figurenkonstellationen und das Erzähltempo böten geradezu eine Vorlage für ein Musical.

Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um eine historische Erzählung aus dem nordfriesischen Küstenland. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Außenseitergeschichte. Hauke Haien ist ein Mann, der weiter denkt als seine Umgebung. Er entwickelt eigene Vorstellungen davon, wie sich die Natur beherrschen und der Schutz der Menschen vor dem Meer verbessern lässt. Doch gerade seine Fähigkeiten und sein ungewöhnlicher Blick auf die Dinge machen ihn in seinem sozialen Umfeld zum Fremdkörper.

Martin beschreibt ihn als jemanden, der über den Tellerrand hinausschaut und deshalb auf Ablehnung stößt. Aus dem zunächst skeptischen Umfeld entwickelt sich schließlich eine regelrechte Ausgrenzung. Hauke wird nicht nur als Sonderling betrachtet, sondern zunehmend dämonisiert. Darin liegt für den Komponisten ein durchaus zeitgemäßer Kern der Geschichte: Wie geht eine Gemeinschaft mit Menschen um, die anders denken und bestehende Vorstellungen infrage stellen?

Auch die Natur erhält in der Musicalfassung eine besondere Rolle. Sie ist nicht bloß Hintergrund der Handlung, sondern beinahe eine eigene Figur. Das Rauschen des Meeres, die Bedrohung durch Sturmfluten und die Gewalt der Elemente bestimmen das Geschehen. „Wo das Chaos gegen die Ordnung schlägt“ – diese Vorstellung lässt sich nach Martins Worten auch musikalisch wiederfinden.

Für die musikalische Umsetzung setzt Martin auf einen großen, cineastisch geprägten Klang. Zeitweise kommt ein umfangreiches Orchester zum Einsatz. Die Musik soll nicht lediglich einzelne Szenen begleiten, sondern die Naturgewalten hörbar machen und die emotionale Spannung der Geschichte verstärken. Dazu gehören auch wiederkehrende musikalische Motive, die sich beim Publikum einprägen sollen.

Die Komposition entstand nicht einfach aus einer spontanen Eingebung heraus. Martin entwickelte zunächst ein inhaltliches Konzept. Er musste wissen, welche Situationen und Gefühle musikalisch umgesetzt werden sollten. Das Libretto lag während der Kompositionsphase noch nicht vollständig vor. Trotzdem gab es einen klaren dramaturgischen Leitfaden.

Hauke Haien und sein Schimmel

Die zentrale Figur des Hauke Haien verkörpert Sascha Kurth. Der 40-jährige Schauspieler gehört seit neun Spielzeiten zum Ensemble in Fulda. Dort hat er bereits unterschiedliche Rollen übernommen, darunter Robin Hood, Rob Cole im Musical „Medicus“ sowie Anastasius und Gerold in „Die Päpstin“.

Kurth schätzt die Vielseitigkeit seines Berufs. In jeder Saison müsse er sich erneut auf Rollen bewerben. Eine automatische Übernahme in die nächste Produktion gebe es nicht. Mit Hauke Haien übernimmt er nun eine besonders anspruchsvolle Hauptrolle.

Eine wichtige Bühnenpartnerin ist Pamina Lenn. Die 31-jährige Schauspielerin spielt Elke Volkerts, die Tochter des Deichgrafen und spätere Frau von Hauke. Für sie ist es die erste Produktion mit Spotlight Musicals. Auf der Bühne steht sie allerdings schon seit fast zehn Jahren.

Lenn hat die Novelle bereits während ihrer Schulzeit gelesen und sich zur Vorbereitung auf die Rolle noch einmal intensiv mit dem Text beschäftigt. Dabei habe sie festgestellt, dass die Musicalfassung durchaus neue Perspektiven eröffnet. Besonders die Beziehung zwischen Elke und Hauke werde deutlicher herausgearbeitet.

„Das ist absolutes Teamwork“, beschreibt sie das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Ihre Beziehung sei eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ein Aspekt, der in Storms Novelle zwar angelegt sei, in der Bühnenfassung aber stärker in den Vordergrund trete.

Gerade darin sieht Lenn eine Stärke der Inszenierung. Sie könne sowohl Menschen ansprechen, die Storms literarische Vorlage schätzen, als auch Zuschauer, die mit dem Werk aus ihrer Schulzeit eher negative Erinnerungen verbinden. Selbst wer den „Schimmelreiter“ früher als schwierige Pflichtlektüre empfunden habe, könne durch das Musical einen neuen Zugang zur Geschichte finden.

Drei Darsteller erwecken das Pferd zum Leben

Ein besonderer Blickfang der Produktion ist natürlich der Schimmel selbst. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein lebendes Pferd, sondern um eine aufwendig konstruierte Pferdefigur. Drei sogenannte Pferdespieler sorgen dafür, dass das Tier auf der Bühne möglichst lebensecht wirkt.

Einer von ihnen steuert den Kopf, zwei weitere übernehmen die Bewegungen im vorderen und hinteren Teil des Pferdekörpers. Auf diese Weise entstehen Bewegungsabläufe, die das Publikum schnell vergessen lassen sollen, dass sich unter der Konstruktion Menschen befinden.

Auch die Geräusche gehören zur Darstellung. Die Bewegungen und Reaktionen des Pferdes müssen genau aufeinander abgestimmt sein. Das erfordert nicht nur Geschick, sondern auch eine intensive Vorbereitung.

Die Konstruktion stammt aus Südafrika. Verantwortlich für den Bau war der Puppenkonstrukteur Roger Tidley. Die einzelnen Teile wurden nach Deutschland verschifft. Anschließend mussten die Darsteller unter Anleitung eines Spezialisten lernen, wie sich ein Pferd bewegt und wie seine typischen Reaktionen glaubwürdig nachgebildet werden können.

Die Herausforderung ist beträchtlich. Schließlich soll der Schimmel nicht wie eine technische Bühnenattraktion wirken, sondern als eigenständiges Lebewesen Teil der Handlung werden. Seine Beweglichkeit und die Gestaltung des Kopfes tragen entscheidend dazu bei.

Für die Produktion stehen sogar zwei Exemplare zur Verfügung. Eines dient als Ersatz, falls die andere Konstruktion beschädigt werden sollte. Außerdem ist eines der Pferde so verstärkt, dass auch ein Reiter darauf Platz nehmen kann. Welche spektakulären Bilder damit auf der Bühne entstehen, wollen die Verantwortlichen allerdings noch nicht vollständig verraten.

Dennis Henschel als Ole Peters

Zu den Darstellern gehört auch Dennis Henschel. Der 42-jährige Musicaldarsteller übernimmt die Rolle des Ole Peters und ist in der Produktion in der Erstbesetzung vorgesehen. Mit Spotlight Musicals verbindet ihn bereits eine längere Geschichte: Er ist inzwischen im 15. Jahr dabei.

Hameler Musicalbesucher könnten ihn noch aus dem Vorjahr kennen. Damals spielte er die Rolle des Gerold. Henschel schätzt an seinem Beruf vor allem die Möglichkeit, immer wieder in andere Figuren und Lebensgeschichten einzutauchen.

Auch Nico Schweers gehört zum Ensemble. Der 1,90 Meter große Darsteller ist erstmals bei Spotlight Musicals dabei und teilt sich mit Henschel die Erstbesetzung des Ole Peters für die Hamelner Aufführungen.

Für Schweers ist insbesondere die aufwendige Bühnenwelt ein Anreiz. Die bildgewaltige Kulisse gebe den Darstellern die Möglichkeit, sich intensiv in die dramatischen Situationen und Emotionen der Geschichte hineinzuversetzen.

Pamina Lenn wiederum freut sich besonders darauf, erstmals in Hameln aufzutreten. Die gebürtige Hessin kennt bislang vor allem ihre Heimatregion und Fulda. Auf die Rattenfängerstadt und ihre historische Altstadt ist sie entsprechend gespannt. Auch der Weihnachtsmarkt steht bereits auf ihrer persönlichen Wunschliste.

Eine Bühne mit großem technischem Aufwand

Dass die Produktion nicht nur musikalisch, sondern auch technisch einiges zu bieten hat, zeigt ein Blick auf die Ausstattung. Die Verantwortlichen haben für das Bühnenbild einen erheblichen Aufwand betrieben.

Zu sehen sind unter anderem eine Deichlandschaft, abgerissene Holzbohlen, ein Kachelofen und zahlreiche weitere Ausstattungsdetails. Im Hintergrund befindet sich eine große LED-Wand, die nicht einfach als Bildschirm eingesetzt wird, sondern Bestandteil des gesamten Bühnenbildes ist.

Spiegel an den seitlichen Bühnentürmen erweitern die optische Wirkung zusätzlich. Sie lassen die hintere Bühnenebene größer erscheinen und sollen den Eindruck einer nahezu grenzenlosen Landschaft vermitteln.

Auch die Drehbühne spielt eine wichtige Rolle. Die Inszenierung bleibt ständig in Bewegung. Szenenwechsel und Veränderungen der räumlichen Situation gehören zum dramaturgischen Konzept.

Für die Übertragung nach Hameln müssen allerdings einige technische Besonderheiten berücksichtigt werden. Denn die dortige Bühne unterscheidet sich von der Spielfläche in Fulda. Insbesondere die geringere Tiefe macht Anpassungen erforderlich.

So wird es hinter dem Deich in Hameln keinen vergleichbaren Durchgang geben wie in Fulda. Die Bühnentechniker haben deshalb bereits alternative Zugänge eingeplant. Türen in den hinteren Bühnenelementen ermöglichen den Darstellern, weiterhin von hinten auf die Spielfläche zu gelangen oder diese zu verlassen.

Die Produktion ist nach Angaben der Verantwortlichen von Anfang an so konzipiert worden, dass sie sowohl in Fulda als auch in Hameln funktioniert. Die wesentlichen Elemente der Inszenierung bleiben erhalten.

Ein düsterer Stoff mit großen Emotionen

Ganz unbeschwert ist die Geschichte allerdings nicht. „Der Schimmelreiter“ erzählt von menschlichen Konflikten, gesellschaftlicher Ablehnung, persönlichen Schicksalsschlägen und den zerstörerischen Kräften der Natur. Das Musical muss deshalb eine Balance finden zwischen dramatischer Intensität und einem unterhaltsamen Theaterabend.

Pamina Lenn bezeichnet gerade diese Verbindung als eine der großen Herausforderungen. Die Geschichte sei düster, es gebe viel Leid. Trotzdem müsse daraus ein stimmiger Abend entstehen, der das Publikum nicht nur bedrücke, sondern auch mitreiße.

Die bisherigen Reaktionen in Fulda stimmen die Darsteller zuversichtlich. Das Publikum gehe sehr gut mit der Inszenierung, berichtet Lenn. Auch die Presse habe positiv reagiert. Die Beteiligten seien deshalb überzeugt, eine außergewöhnliche Produktion geschaffen zu haben.

Dennis Martin verfolgt mit seiner musikalischen Bearbeitung ohnehin ein klares Ziel: Er möchte zeigen, dass Storms Novelle weit mehr ist als ein angestaubter Klassiker aus dem Deutschunterricht. Hinter der Geschichte steckt ein spannendes Drama über einen Menschen, der neue Wege gehen will und gerade deshalb an seiner Umgebung scheitert.

Für das Hamelner Publikum dürfte vor allem die Verbindung von Literatur, Musik, Schauspiel und aufwendiger Bühnentechnik interessant werden. Ein Klassiker erhält eine neue Gestalt – mit großen Bildern, einer dramatischen Klangwelt und einem Schimmel, der zwar nicht wirklich lebt, auf der Bühne aber beinahe so wirkt.

Und vielleicht ist das die größte Chance dieser Musicalfassung: Wer sich früher mit der Schullektüre schwergetan hat, bekommt nun Gelegenheit, Hauke Haien und seine Geschichte noch einmal ganz anders kennenzulernen.

Christoph Huppert

Mit dem Rollstuhl nach Paris

Mittwoch, 04. November 2026 - Allgemein

Trotz Multipler Sklerose und Demonstrationen in der französischen Hauptstadt: Eine Reise voller Eindrücke und guter Erfahrungen mit der Mobilitätshilfe der Deutschen Bahn

Von Christoph Huppert

Paris ist für viele Menschen eine Reise wert. Doch wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, muss eine solche Fahrt sorgfältig planen. Für Gabi Pionteck aus dem Raum Hameln war ihre Multiple Sklerose kein Grund, auf die französische Hauptstadt zu verzichten. Ihre Erfahrungen möchte sie mit anderen Menschen mit Behinderungen teilen.

Anlass war eine Einladung der Kunstplattform Artboxy, bei der Piontek Mitglied ist. Bei einer Vernissage im Carrousel du Louvre sollten drei ihrer abstrakten Bilder digital präsentiert werden. Einen Tag vor der Abreise wurde die Veranstaltung wegen Demonstrationen und Ausschreitungen abgesagt. Gemeinsam mit der Malerin Anna Hammer und einem Freund aus München entschied sie sich dennoch, die Reise anzutreten.

Gute Erfahrungen mit der Deutschen Bahn

Gabi Pionteck leidet seit 27 Jahren an Multipler Sklerose und ist für längere Strecken auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Umso wichtiger war die Organisation der Bahnfahrt.

Die Mobilitätshilfe der Deutschen Bahn hatte die Unterstützung beim Ein- und Umsteigen zugesagt. Bis auf eine kleinere Unstimmigkeit in Hannover funktionierte alles hervorragend. Mitarbeiter begleiteten sie zu den Zügen, halfen beim Umsteigen und kümmerten sich um das Gepäck. In Paris übernahm der französische Hilfsdienst die Unterstützung im Bahnhof.

„Die Bahnfahrt war völlig in Ordnung“, lautet ihr positives Fazit. Menschen mit Behinderungen sollten die vorhandenen Hilfsangebote kennen und rechtzeitig nutzen.

Paris im Ausnahmezustand

Die Demonstrationen prägten den Aufenthalt stärker als erwartet. Bereits am Samstag warnte das Hotel die Reisegruppe davor, ab 14 Uhr bestimmte Innenstadtbereiche aufzusuchen. Die Empfehlung war eindeutig: gefährdete Straßen meiden und rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Die Auswirkungen waren unübersehbar. Geschäfte verbarrikadierten Schaufenster und Eingänge mit Holz- und Sperrholzplatten, um sich vor möglichen Ausschreitungen zu schützen. Wo sonst Touristen durch die Straßen strömen, herrschte ungewohnte Leere. Viele Besucher und offenbar auch zahlreiche Pariser mieden die betroffenen Viertel.

Pionteck und ihre Begleiter hielten sich an die Warnungen und gerieten nicht in die Demonstrationen. Die angespannte Sicherheitslage zeigte ihnen jedoch, wie schnell eine Städtereise zur Herausforderung werden kann – besonders für Menschen, die auf einen Elektrorollstuhl und die Unterstützung anderer angewiesen sind.

Mit dem Rollstuhl durch die Weltstadt

Am Sonntag erkundeten die drei die französische Hauptstadt. Die Begleiter schoben Pionteck abwechselnd im Rollstuhl durch die Straßen. Die Route führte am Eiffelturm, am Arc de Triomphe und entlang der Champs-Élysées vorbei. Auch einen Blick auf den Louvre wollte sie unbedingt werfen, schließlich sollten dort ursprünglich ihre Bilder präsentiert werden.

Überrascht war sie, während ihrer Ausflüge keinen anderen Rollstuhlfahrer und auch keinen Rollator zu sehen. Das brachte sie zu der Frage, wie viele Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sich eine solche Reise nicht zutrauen.

Ein Höhepunkt war eine Schifffahrt auf der Seine mit Dinner. Den beleuchteten Eiffelturm vom Wasser aus zu erleben, sei unvergesslich gewesen. Gegen 23 Uhr kehrte die Reisegruppe ins Hotel zurück.

Mut machen und Erfahrungen weitergeben

Am Montag ging es mit der Bahn über Karlsruhe zurück nach Hannover. Auch diesmal funktionierte die organisierte Unterstützung nach Piontecks Einschätzung problemlos.

Die Reise hat ihr gezeigt, dass sich trotz erheblicher körperlicher Einschränkungen vieles verwirklichen lässt, wenn die Fahrt gut vorbereitet ist und die Unterstützung stimmt.

Auch ihr Engagement möchte sie fortsetzen. Pionteck hat sich bereit erklärt, für den Beirat für Menschen mit Behinderung in Hameln zu kandidieren. Dort will sie ihre Erfahrungen einbringen und sich für eine bessere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einsetzen.

Ihre Botschaft ist eindeutig: Man sollte sich trotz körperlicher Einschränkungen nicht alles verbieten. Hilfsangebote anzunehmen, sei keine Schwäche, sondern eine Möglichkeit, selbstständig unterwegs zu sein. Und manchmal führt dieser Weg sogar bis nach Paris.

Aus der Vergangenheit lernen

Dienstag, 03. November 2026 - Allgemein

Ein Sammelband über politische Erfahrungen, historische Irrtümer und die Herausforderungen unserer Zeit

Von Christoph Huppert

Warum wiederholen sich politische Fehler, obwohl ihre Folgen längst bekannt sind? Weshalb geraten Demokratien unter Druck, und was lässt sich aus früheren Krisen für heutige Entscheidungen ableiten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der von Frank Werner herausgegebene Band „Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen“, der in der Reihe ZEIT Geschichte im Droemer Verlag erschienen ist.

Für Leserinnen und Leser aus dem Weserbergland ist der Herausgeber kein Unbekannter. Frank Werner war früher Chefredakteur der DEWEZET in Hameln. Heute steht er als Chefredakteur des Magazins ZEIT Geschichte für eine journalistische Auseinandersetzung mit historischen Themen und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Der Band versammelt Beiträge namhafter Historiker und Wissenschaftler, die unterschiedliche Epochen und Entwicklungen beleuchten. Das Themenspektrum reicht von den Ursprüngen demokratischer Ordnungen in der Antike über die politischen Krisen des 20. Jahrhunderts bis zu den Konflikten einer Welt, in der autoritäre Bestrebungen und imperiale Machtansprüche erneut an Bedeutung gewinnen. Demokratie und Diktatur, Propaganda, wirtschaftliche Macht und internationale Auseinandersetzungen bilden wichtige Schwerpunkte.

Dabei geht es um wiederkehrende Mechanismen politischer Fehlentwicklungen: die Verführungskraft populistischer Versprechen, die schrittweise Schwächung demokratischer Institutionen und die Bereitschaft, politische Gegner zu Feinden zu erklären. Die Beiträge zeigen, dass historische Situationen zwar nie völlig gleich sind, sich aus früheren Erfahrungen aber durchaus Erkenntnisse gewinnen lassen.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus. Der Untergang der ersten deutschen Demokratie verdeutlicht, wie innere Konflikte, Vertrauensverlust und die Missachtung demokratischer Spielregeln eine politische Ordnung zerstören können. Die nationalsozialistische Diktatur steht zugleich für die verheerenden Folgen einer Politik, die Menschen ausgrenzt, Feindbilder schafft und staatliche Macht zur Unterdrückung missbraucht.

Werner beschränkt sich allerdings nicht auf die deutsche Geschichte. Auch die Entwicklung demokratischer Staatsformen und die wechselnden Kräfteverhältnisse zwischen Großmächten eröffnen wichtige Perspektiven. Zwei Weltkriege und die Verbrechen totalitärer Regime sollten eigentlich eine dauerhafte Warnung darstellen. Dennoch sind militärische Gewalt, territoriale Machtansprüche und nationalistisches Denken keineswegs verschwunden.

Der Sammelband regt dazu an, solche Entwicklungen genauer zu untersuchen. Wie entstehen Krisen? Warum treffen politische Entscheidungsträger bestimmte Entscheidungen? Und welche Folgen ergeben sich, wenn Warnsignale übersehen oder bewusst ignoriert werden? Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven ergänzen einander und ermöglichen es, vertraute Ereignisse neu zu betrachten.

Diese Vielfalt ist eine Stärke des Buches, verlangt aber auch Aufmerksamkeit. Wer eine durchgehend erzählte Gesamtdarstellung oder eine einfache Anleitung für politisches Handeln erwartet, dürfte nicht vollständig auf seine Kosten kommen. Der Wert der Sammlung liegt vielmehr in der Breite ihrer Themen und den verschiedenen Zugängen zu grundlegenden politischen Fragen.

Dabei geht es auch um die Verantwortung des Einzelnen. Gesellschaftliche Entwicklungen werden nicht ausschließlich von anonymen Kräften bestimmt. Menschen treffen Entscheidungen, unterstützen politische Bewegungen, widersprechen Missständen oder bleiben untätig, wenn demokratische Grundsätze unter Druck geraten.

Hier gewinnt der Titel seine eigentliche Bedeutung: Historische Erkenntnisse können helfen, Gefahren früher zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten besser einzuschätzen. Sie ersetzen jedoch weder eigenes Urteilsvermögen noch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Der Band liefert keine Patentrezepte für die Probleme unserer Zeit. Die Vergangenheit lässt sich nicht wie eine Gebrauchsanweisung lesen, die für jede neue Situation eine fertige Lösung bereithält. Sie bietet vielmehr Erfahrungen und Vergleichsmöglichkeiten, die bei der Beurteilung aktueller Entwicklungen helfen können.

Frank Werner hat mit „Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen“ eine Veröffentlichung zusammengestellt, die historische Bildung mit politischer Reflexion verbindet. Das Buch richtet sich an Leser, die sich nicht mit oberflächlichen Erklärungen zufriedengeben, sondern den Ursachen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen nachgehen möchten.

Fazit: Ein anregender Sammelband, der historische Kenntnisse vertieft und zum kritischen Nachdenken über Demokratie, Macht und Verantwortung auffordert. Empfehlenswert für alle, die aus den Erfahrungen früherer Generationen Orientierung für das eigene Urteil gewinnen wollen.

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