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Kann man Literaturkritik lernen?

Kann man Literaturkritik lernen?

Montag, 16. Mai 2016

WebRadi„Literaturkritik, kann man das lernen?“ so eröffnet der Vorsitzende der Hamelner Bibliotheksgesellschaft, Bernd Bruns, den Reigen seiner Fragen. Iris Radisch, Jahrgang 1959, seit 2013 Leiterin des Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT, braucht keine Sekunde lang nachzudenken. Es gäbe sicherlich keine Ausbildung und auch ein klarer Kriterienkatalog sei nicht auszumachen. Natürlich sei der subjektive Faktor enorm hoch, Hintergrundwissen und gute Argumente aber seien hinreichende Qualitätsindikatoren. Der Kritikernachwuchs freilich pflege einen zu starken „Inhaltismus“, beklagt Radisch. Klappentext-Rezensionen eben. Nickende Zustimmung beim bildungsbürgerlichen Publikum in der knapp halb gefüllten Aula des Schiller-Gymnasiums.

Doch Radisch stimmt kein Lamento an, sondern zeigt Verständnis für die sich angesichts von Digitalisierung und neuen Medien rasant ändernden Sprach-, Sprech- und Schreibgewohnnheiten. Ihr Fazit: „Wir haben keine Helden mehr!“ Keine großen Literaten-Leuchttürme im Meer der Internet-Blogger. Tod der Literatur also? Von wegen. Auch die „digital natives“ brauchen „content“. Radisch: „Das viele und schnelle Schreiben aber verändert die Literatur, alles zu story-basiert.“

Musikkritiker („Die haben´s  schwer“) wähnt sie auf den absterbenden Ast, Vereinfachung und handwerkliche Mängel auf dem Vormarsch.

„Deutlichkeit ist die Höflichkeit des Kritiker“, zitiert sie Marcel Reich-Ranicki. Auf diesen Namen haben ihre Zuhörer gewartet. Einige Episoden folgen, nicht als Selbstzweck, sondern, wie auch eine kurze Lesung aus ihren „Lebensendgeschichten“ zeigt, um Ranickis Bekenntnis „Ich war nie in meinem Leben glücklich“ in den Raum zu stellen. Kurze Stille. „Stimmt, er hat so viel gelitten“, flüstert eine ältere Dame in der dritten Reihe mit spürbarer Ergriffenheit in der Stimme.

Mit ihren „Lebensendgeschichten“ zeigt Radisch, das Literatur „die tiefsten Lebensfragen beantworten soll“. Was war wichtig? Wer bin ich? Wozu das alles? Vom sich vor lauter Rollen selbst vergessenen George Tabori, die in ihr „Zettelhaus“ zurückgezogene Friedrike Mayröcker, Ilse Aichinger, die am liebsten im dunklen Kino säße bis zur in die Einsamkeit hinterm Deich geflohene Sarah Kirsch.

Das alles fußt für Radisch auf Albert Camus. Ihre Camus-Biografie „Camus. Das Ideal der Einfachheit“ von 2013 ist das zweite Buch, das auf dem Tisch liegt. Beim Thema Camus redet sie sich fast in Rage. Alter ist Zunahme von Freiheit, von wegen, das „Eigentliche“ kommt noch, alles Ausfluss christlicher Prägungen. Ihre Einsicht: das Alter biete die Chance, der inneren Wahrheit näher zu kommen. Und auch bei der leicht verschämten Frage des mittlerweile vom Moderator fast in die Rolle des faszinierten Zuhörers geschlüpften Bernd Bruns, ob das wohl die Frage nach dem Sinn des Lebens beinhalte, erwidert Iris Radisch ohne zu zögern: „Sinn des Lebens? Das ist das Leben.“ Und blickt mit großen Augen ins Publikum.

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