Stirbt die plattdeutsche Sprache aus?
Stirbt die plattdeutsche Sprache aus?
Dienstag, 01. September 2026
„Eck glöbe woll!“ – wo das Platt noch zu Hause istZwischen Bad Münder, Eimbeckhausen und Hachmühlen hat die alte Mundart viele Gesichter – doch sie droht zu verstummen
Von Christoph Huppert
BAD MÜNDER. Man musste früher nicht nach dem Namen fragen. Ein paar Sätze genügten – und man wusste, aus welchem Dorf das Gegenüber kam. Ob Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen oder Welliehausen: Das Plattdeutsche hatte im Raum Bad Münder viele Gesichter.
Heute ist davon nur noch wenig zu hören.
„Ich bin davon überzeugt, dass die plattdeutsche Sprache hier zumindest in unserer Region eigentlich ausgestorben ist“, sagt Michael Meyer, der Vorsitzende der Ortsgruppe des Heimatbundes. Anders als etwa in Bayern oder Franken werde die Mundart hier kaum noch im Alltag gepflegt.
Dabei geht mit der Sprache mehr verloren als eine Sammlung alter Wörter. In ihr steckt auch ein Stück Orts- und Familiengeschichte.
Der Maulwurf als sprachlicher Prüfstein
Wer vom „Plattdeutschen in Bad Münder“ spricht, macht es sich allerdings zu einfach. Die zahlreichen Ortsteile haben jeweils ihre eigene sprachliche Geschichte.
Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen und Welliehausen liegen nur wenige Kilometer auseinander. Trotzdem konnten Aussprache und Wortschatz voneinander abweichen.
Meyer nennt dafür ein anschauliches Beispiel: den Maulwurf. „In dem einen Dorf ist der Maulwurf der Mull und im nächsten ist ja der Mullewurm“, berichtet er.
Solche Unterschiede waren früher ganz selbstverständlich. Heute werden sie zum Problem für diejenigen, die das Platt bewahren wollen.
„Will man sich dann darauf einigen, dass ein Münders Platt gesprochen wird?“, fragt Meyer. Oder soll das Eimbeckhäuser oder Hachmühlner Platt maßgeblich sein?
„Eck“ statt „ich“
Sprachwissenschaftlich gehört die Region zum Calenberger Platt und damit zum ostfälischen Bereich des Niederdeutschen. Das erklärt manche Besonderheiten, die sich vom Platt anderer Regionen unterscheiden.
So heißt „ich“ traditionell „ek“ oder „eck“. „Eck glöbe woll!“ – „Ich glaube wohl!“ – kann je nach Zusammenhang Zustimmung, Erstaunen oder auch Widerspruch ausdrücken.
Weitere Wörter wie „ok“ oder „och“ für „auch“ oder „vandage“ für „heute“ erinnern an die alte Mundart.
Das Niederdeutsche hat die hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht. Deshalb stehen Formen wie „Perd“, „gliek“ oder „eeten“ den hochdeutschen Wörtern „Pferd“, „gleich“ und „essen“ gegenüber.
Eimbeckhausen als Mundart-Ort
Besonders eng mit dem Plattdeutschen verbunden ist Eimbeckhausen. Die Ortschaft ist ein wichtiger Ort der regionalen Heimatpflege. Auch die Mundart-Künstlerin Brigitte Wehrhahn hat mit ihren Programmen „Wat schall dat?“ und „Öok dat noch!“ die Sprache öffentlich hörbar gemacht.
Platt funktioniert auf der Bühne durchaus noch – mit Humor, Ironie und seinem besonderen Klang. Doch zwischen einer Mundart als Kulturprogramm und einer Sprache, die Kinder zu Hause lernen, liegt ein großer Unterschied.
Hachmühlen, Holtensen und die kleinen Unterschiede
Auch in Hachmühlen und den umliegenden Dörfern war Platt einst Alltagssprache. In Holtensen, Unsen und Welliehausen wurde es von Generation zu Generation weitergegeben.
Eine einheitliche Sprachform gab es dabei nicht. Vokale wurden unterschiedlich ausgesprochen, Wörter wechselten und selbst grammatische Endungen konnten variieren.
Für die Sprachforschung ist dieses Mosaik wertvoll. Für den heutigen Spracherhalt macht es die Sache komplizierter.
Zwischen Ostfälisch und Westfälisch
Hinzu kommt die besondere Lage des Deister-Süntel-Tals. Bad Münder liegt im ostfälischen Sprachraum, westlich des Süntels beginnt der Einfluss des Westfälischen.
Im Schaumburger Land entwickelten sich andere Formen des Plattdeutschen. Die sprachlichen Grenzen verliefen dabei nicht scharf, sondern wurden durch Wanderung, Arbeit, Heirat und Handel durchlässig.
Das Tal war deshalb schon immer eine Übergangslandschaft, in der verschiedene Sprachformen aufeinandertrafen.
Was der Bergbau hinterlassen hat
Auch der historische Steinkohlebergbau hat Spuren hinterlassen. Im Deister und im Osterwald arbeiteten Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammen.
Mit ihnen kamen neue Begriffe und sprachliche Einflüsse. Wörter wie „Kuhle“ für die Grube, „Schorsteen“ für den Schornstein oder „Kumpel“ erinnern an diese Arbeitswelt.
Sprache erzählt damit zugleich die Geschichte der Region.
Von der Süntelbeuke bis zum „Schiet“
Manche Wörter sind unmittelbar mit der Landschaft verbunden. Die verdreht wachsenden Buchen des Süntels heißen „Süntelbeuke“ oder „Kruse Beuke“.
Andere Begriffe gehören zum Alltag früherer Generationen: „Dat is doch allet en Schiet“ oder „Kumm mal her vör de Döör“.
Solche Wörter und Redewendungen sind kleine sprachliche Erinnerungsstücke. Werden sie nicht weitergegeben, verschwinden sie mit den Menschen, die sie noch kennen.
Vom Küchentisch in die Heimatpflege
Die entscheidende Veränderung hat sich deshalb weniger auf der Bühne als zu Hause vollzogen.
Früher wurde Platt am Küchentisch, auf dem Hof, im Geschäft und unter Nachbarn gesprochen. Kinder hörten die Sprache und übernahmen sie ganz selbstverständlich.
Heute sprechen Familien überwiegend Hochdeutsch. Platt wird teilweise noch verstanden, aber immer seltener aktiv verwendet. Genau dadurch schrumpft auch der alte Wortschatz.
Heimatvereine und regionale Publikationen versuchen, diesem Verlust entgegenzuwirken. Die Zeitschrift „Der Söltjer“ dokumentiert Geschichten, Erinnerungen und sprachliche Besonderheiten aus Bad Münder und Umgebung.
Auch Sagen und Erzählungen aus dem Süntel und dem Raum Hameln gehören zu diesem kulturellen Gedächtnis.
Was vom Platt bleibt
Meyers Einschätzung ist vor allem eine Warnung: Als Alltagssprache ist das Plattdeutsche im Raum Bad Münder weitgehend verschwunden. Geblieben sind regionale Wörter, Redewendungen und unterschiedliche Dorfmundarten.
Sie zu bewahren, bedeutet deshalb nicht unbedingt, ein einheitliches „Münders Platt“ neu zu schaffen. Entscheidend ist vielmehr, das sprachliche Erbe von Eimbeckhausen, Hachmühlen, Holtensen, Unsen, Welliehausen und den anderen Ortsteilen zu dokumentieren und weiterzugeben.
Fotos: Christoph Huppert

