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Buchvorstellung Stefan Roduner „Tiefschwarze Träume“

Buchvorstellung Stefan Roduner „Tiefschwarze Träume“

Dienstag, 29. September 2026

Wenn die Erinnerung zur Falle wird

Stefan Roduners Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“ führt in die Abgründe menschlicher Schuld – und zu einem Privatdetektiv, der sich nicht mit vorschnellen Wahrheiten zufriedengibt

Von Christoph Huppert

Manchmal ist nicht das, was wir getan haben, das Schlimmste. Sondern das, woran wir uns nicht mehr erinnern können. Mit diesem beunruhigenden Gedanken beginnt Stefan Roduner seinen neuen Kriminalroman „Tiefschwarze Träume“. Der Schweizer Autor schickt darin seinen Privatdetektiv Milan Sommer auf eine Spurensuche, bei der es nicht nur um einen verschwundenen Psychiater, sondern auch um die Verlässlichkeit menschlicher Erinnerungen geht.

Schon der Titel verspricht wenig Erfreuliches. Und tatsächlich führt Roduner seine Leser in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Erinnerung und Verdrängung zunehmend verschwimmen.

Eine Patientin unter Verdacht

Im Mittelpunkt steht Elvira Brenzikofer. Die Frau wird von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt. Nachts quälen sie verstörende Träume, tagsüber bleiben Erinnerungen, die ihr zunehmend fremd erscheinen. Auf der Suche nach Hilfe wendet sie sich an einen angesehenen Zürcher Psychiater.

Doch die erhoffte Befreiung wird zum Ausgangspunkt einer Katastrophe.

Wenige Tage später wird der Arzt schwer verletzt in seiner Praxis aufgefunden. Blut auf dem Parkett, ein umgestürzter Stuhl, keine Zeugen. Kurz darauf ist der Psychiater spurlos verschwunden.

Elvira war die letzte Person, die ihn lebend gesehen hat. Bei einer Durchsuchung ihres Hauses entdecken die Ermittler Unterlagen aus der Praxis, ein blutbeflecktes Halstuch und gelöschte Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon. Die Indizien scheinen eindeutig.

Elvira gesteht zunächst, widerruft jedoch wenig später. Sie bricht zusammen und schweigt. Eine Leiche gibt es nicht, ein überzeugendes Motiv ebenfalls nicht. Trotzdem scheint sich für die Polizei ein schlüssiges Bild zu ergeben.

Nur einer will sich damit nicht zufriedengeben.

Milan Sommer sucht die Wahrheit

Privatdetektiv Milan Sommer, bereits aus Roduners Roman „Blutrote Leidenschaft“ bekannt, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Er ist kein Mann für schnelle Urteile. Während andere die Schuldfrage längst beantwortet glauben, nimmt er die Angst in Elviras Augen wahr.

Seine Nachforschungen führen ihn in die diskrete Welt wohlhabender Zürcher Klienten, zu undurchsichtigen Finanzgeschäften und Beziehungen, die offiziell niemals existiert haben sollen.

Dabei entdeckt Sommer, dass der Psychiater offenbar mehr tat, als nur seelische Verletzungen zu behandeln. Er wusste Dinge über seine Patienten. Geheimnisse, die für manche Menschen einen erheblichen Preis haben könnten.

Je weiter der Privatdetektiv vordringt, desto rätselhafter wird der Fall. Beweise tauchen auf und verschwinden wieder. Zeugen erinnern sich plötzlich anders. Und während Sommer versucht, die verschiedenen Spuren zusammenzufügen, sitzt Elvira in Untersuchungshaft.

Dort beginnt für sie ein zweiter Kampf: gegen die Vorwürfe, gegen die Isolation und vor allem gegen das eigene Gedächtnis. Was ist tatsächlich geschehen? Was hat sie verdrängt? Und kann sie überhaupt noch jemandem vertrauen, wenn sie sich selbst nicht mehr sicher ist?

Zwischen Krimi und Psychogramm

Stefan Roduner, 1966 in Frauenfeld geboren, kennt die Welt der Straftäter nicht ausschließlich aus der Literatur. Seit vielen Jahren arbeitet er im Justizvollzug und betreut dort auch Schwerstkriminelle. Die Lebensgeschichten, die ihm in seinem Berufsalltag begegnen, bilden einen Erfahrungshintergrund für seine schriftstellerische Arbeit.

Das ist dem Roman anzumerken. Roduner interessiert sich nicht allein für die Konstruktion eines möglichst komplizierten Verbrechens. Ihn beschäftigen die Menschen hinter den Verdachtsmomenten, ihre Ängste, ihre Geheimnisse und ihre Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen.

Gerade die Figur der Elvira Brenzikofer verleiht dem Geschehen eine zusätzliche Dimension. Sie ist nicht einfach die klassische Verdächtige, die ihre Unschuld beweisen muss. Ihre eigene Erinnerung wird zum unsicheren Terrain. Damit verschiebt sich die zentrale Frage des Romans: Nicht nur, wer den Psychiater verschwinden ließ, sondern auch, wie zuverlässig das ist, was wir für unsere persönliche Wahrheit halten.

Ein Krimi mit psychologischem Tiefgang

Roduner versteht es, eine Atmosphäre des Misstrauens aufzubauen. Die Handlung entwickelt sich aus scheinbar eindeutigen Indizien, die bei näherem Hinsehen immer neue Fragen aufwerfen. Das macht den Reiz der Geschichte aus.

Allerdings verlangt der Roman seinen Lesern auch einiges an Aufmerksamkeit ab. Die Vielzahl der Geheimnisse und die psychologische Verunsicherung können gelegentlich den unmittelbaren kriminalistischen Handlungsfluss überlagern. Wer einen geradlinigen Ermittlerkrimi mit hohem Tempo und ständig neuen spektakulären Wendungen erwartet, dürfte deshalb andere Akzente setzen.

Doch gerade darin liegt auch die Eigenart dieses Buches. Roduner interessiert sich weniger für den bloßen Nervenkitzel als für die Brüchigkeit menschlicher Gewissheiten.

Milan Sommer ist dabei ein Ermittler, dessen Stärke nicht in spektakulären Auftritten liegt, sondern in seiner Bereitschaft, zuzuhören und Zweifel auszuhalten. Er weiß, dass ein Geständnis noch keine Wahrheit sein muss und dass eine überzeugende Geschichte nicht zwangsläufig die richtige ist.

„Tiefschwarze Träume“ ist damit mehr als ein klassischer Whodunit. Es ist ein Kriminalroman über Schuld, Verdrängung und die Frage, wie leicht sich Menschen von scheinbar eindeutigen Beweisen täuschen lassen.

Fazit: Stefan Roduner legt einen psychologisch angelegten Krimi vor, der seine Spannung aus den dunklen Bereichen der menschlichen Seele bezieht. Ein Buch für Leser, die nicht nur wissen wollen, wer es getan hat, sondern auch verstehen möchten, warum Menschen schweigen, lügen oder an ihrer eigenen Erinnerung verzweifeln.

Stefan Roduner: „Tiefschwarze Träume“. Kriminalroman. Neptun Verlag, Bern 2026, 220 Seiten. ISBN 978-3-85820-413-4.

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