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Von Klein Süntel nach China

Von Klein Süntel nach China

Samstag, 07. November 2026

Kölner Historikerin Jin Cao erforscht die Verbindungen zwischen Robert Dralle und einem chinesischen Glasfabrikprojekt vor 120 Jahren

Von Christoph Huppert

Bad Münder/Klein Süntel. Die Geschichte der Glashütte Klein Süntel reicht offenbar weiter in die internationale Industriegeschichte hinein, als es die regionale Überlieferung zunächst vermuten lässt. Die Historikerin und Sinologin Jin Cao vom Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln erforscht die Verbindung zwischen dem Glashüttenstandort bei Bad Münder und einem chinesischen Glasfabrikprojekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr Besuch führte sie jetzt zum ehemaligen Glashüttenstandort in Klein Süntel und in die Glasabteilung des Museums Bad Münder.

Im Mittelpunkt ihrer Recherchen steht der Ingenieur und Glasfabrikant Robert Dralle, der 1903 den chinesischen Gelehrten und Reisenden Jiang Xu in Hameln traf. Dralle war zuvor Inhaber der Glashütte Klein Süntel gewesen und 1898 nach Hameln gezogen. Jiang Xu wollte eine Glasfabrik in Wuhan in Zentralchina aufbauen und suchte dafür technische Unterstützung aus Deutschland. Die Begegnung ist ein Beispiel für den internationalen Austausch von Wissen und Technologie, der bereits vor mehr als hundert Jahren die industrielle Entwicklung prägte.

Jin Cao beschäftigt sich mit dem Reisetagebuch Jiang Xus, der 1903 nach Europa kam, um sich über die Möglichkeiten moderner Glasherstellung zu informieren. In Hameln nahm er Kontakt zu Robert Dralle auf. Er beauftragte ihn mit technischen Konstruktionszeichnungen für die geplante Glasfabrik. Darüber hinaus unterstützte Dralle ihn später bei der Suche nach einem deutschen Fachmann, der das Projekt vor Ort in China begleiten sollte.

Für die Wissenschaftlerin ist diese Verbindung besonders aufschlussreich: Sie zeigt, dass die Glasindustrie des Weserberglands nicht nur regional von Bedeutung war, sondern auch in internationale technische Kooperationen eingebunden sein konnte.

Bei ihren Nachforschungen stieß Cao auf weitere Dokumente, die neue Fragen zur Geschichte der Glashütte Klein Süntel aufwerfen. Dazu gehört ein Brief Dralles aus dem Jahr 1897, der auf einem Briefbogen der „Glashütte Klein Süntel“ geschrieben wurde. Auch sein Testament von 1896 ist in Klein Süntel bei Hasperde datiert.

Diese Fundstücke sind bemerkenswert, weil die Glashütte nach den bisherigen historischen Angaben bereits 1886 stillgelegt worden sein soll. Zugleich wird Dralle für das Jahr 1897 als Inhaber genannt. Cao interessiert sich deshalb dafür, welche Rolle der frühere Hüttenstandort in dieser Zeit noch für seine beruflichen Aktivitäten spielte. Die Frage ist auch für die weitere Forschung von Bedeutung, denn sie könnte Hinweise darauf geben, woher das technische Wissen stammte, das Jiang Xu später nach China mitnahm.

Die zeitliche Lücke zwischen der dokumentierten Stilllegung und den späteren Schriftstücken macht deutlich, wie wichtig eine genauere Auswertung der vorhandenen Quellen ist. Die Datierungen allein erklären noch nicht, ob und in welcher Form Dralle den Standort nach 1886 weiterhin nutzte oder ob der Briefbogen lediglich aus einem älteren Bestand stammte.

Für die weitere Forschung sind deshalb zusätzliche Unterlagen von besonderem Interesse. Cao hat sich unter anderem nach Dokumenten erkundigt, die beim Forum Glas vorhanden sein könnten und weitere Hinweise auf Dralles Tätigkeit geben. Auch die bereits veröffentlichte Darstellung über Friedrich Piepho und Dralles Glasfabrikprojekt in Russland weckte ihr Interesse.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, unterschiedliche Stationen von Dralles beruflichem Wirken miteinander zu vergleichen und seine Rolle in der Glasindustrie genauer einzuordnen.

Historische Spuren verbinden Klein Süntel mit China

Der Besuch in Klein Süntel und im Museum Bad Münder diente dazu, die schriftlichen Quellen mit den örtlichen Gegebenheiten und den erhaltenen Zeugnissen der Glasgeschichte in Beziehung zu setzen. Für das Forum Glas ist der Kontakt mit der Wissenschaftlerin eine besondere Gelegenheit, die regionale Überlieferung in einen größeren historischen Zusammenhang einzuordnen.

Die Forschung von Jin Cao macht deutlich, dass die Geschichte der Glashütte nicht allein anhand ihrer Produktion und Stilllegung betrachtet werden kann. Ebenso wichtig sind die Menschen, ihre beruflichen Netzwerke und die Weitergabe technischen Wissens über Ländergrenzen hinweg.

Der Kontakt zwischen Jiang Xu und Robert Dralle steht exemplarisch für diese Verbindungen. Aus dem Wunsch eines chinesischen Reisenden, moderne Glastechnik für sein Land nutzbar zu machen, entstand eine Zusammenarbeit, bei der deutsche Fachkenntnisse und technische Planung gefragt waren.

Welche konkrete Bedeutung die Glashütte Klein Süntel in Dralles späteren Jahren noch hatte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Gerade deshalb sind die Schriftstücke, die Cao aktuell auswertet, und die weitere Suche nach ergänzenden Dokumenten von Bedeutung.

Für das Forum Glas bietet die Zusammenarbeit mit Jin Cao die Chance, bislang offene Fragen zur regionalen Industriegeschichte genauer zu untersuchen. Die Geschichte von Klein Süntel könnte damit um ein Kapitel erweitert werden, das von technischen Innovationen, internationalen Kontakten und den Spuren eines Glasfabrikprojekts in China erzählt.

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